Porträt

In Basel geduldet, international gefeiert: Die paradoxen Wirkungskreise der Franziska Schutzbach

In Basel verfemt, im Ausland gefeiert: Franziska Schutzbach gibt zu reden.

In Basel verfemt, im Ausland gefeiert: Franziska Schutzbach gibt zu reden.

Franziska Schutzbachs Karriere stand einst vor dem Aus. Heute ist die Geschlechterforscherin und Soziologin eine der wichtigsten Stimmen in der Schweiz.

Es war nach einem Gespräch beim Regionalsender «Telebasel», auf dem Franziska Schutzbach über ihr neues Buch gesprochen hatte. Nach der Aufzeichnung sagte ein Journalist bass erstaunt und halb die Autorin fragend: «Frau Schutzbach, Sie sind ja ein richtig netter Mensch?» Franziska Schutzbach lacht, wenn sie die Anekdote erzählt.

Schutzbach, die Reizfigur. Schutzbach, die Streitbare. Die Emanze, die den Gender-Terror von der Uni-Kanzel predigt? Mitnichten. Viel eher ist Franziska Schutzbach eine von wenigen Intellektuellen mit dem paradoxen Wirkungskreis: International gefeiert, national beachtet, regional geduldet. Sie ist direkt und schonungslos, nicht zuletzt mit sich selbst, und prägt damit einen Diskurs, wie es wenig andere können. Ihre Themen sind dabei hochaktuell: Gender-Fragen, Rechtspopulismus, Rassismus. Ihr neuestes Buch spiegelt die Lebensläufe von schwarzen Frauen in der Schweiz.

Geschlechterforschung war die zweite Option

Geboren ist Franziska Schutzbach 1978 als Tochter einer Theaterpädagogin und eines Lehrers; die deutsche Familie wanderte 1982 in die Schweiz ein und liess sich in Biel nieder. Es war ein liberales Heim und bedurfte schon eines selbstgestochenen Tattoos auf dem Handgelenk, um die Eltern zu schocken – ansonsten genoss Schutzbach als junge Frau grosse Freiheiten. Nach der Matur bereiste sie die Welt und wollte in Wien eine Musical-Ausbildung absolvieren. Stattdessen wurde sie früh Mutter.

Es folgte eine verzweifelte Zeit, in der Schutzbach etwas zufällig ein Studium in Basel begann. Ihre Wahl fiel nicht aus intrinsischem Verlangen auf Geschlechterforschung. Es war eines der wenigen geisteswissenschaftlichen Fächer, die kein Latein verlangten. Das Latinum nachzuholen, lag für die junge Mutter nicht drin, auch wenn Schutzbach sich lieber für Religionswissenschaften und Geschichte eingeschrieben hätte. Statt auf grossen Bühnen sang Franziska Schutzbach Chansons an Hochzeiten und verdiente sich damit etwas Geld. Am liebsten besang sie die unglückliche Liebe in «La Foule» von Edith Piaf, und wenn es die Gelegenheit erlaubte, den politischen Widerstand wie in «Bella Ciao».

Franziska Schutzbach war gemäss eigener Aussage immer schon politisch, «ein bisschen öko und friedensbestrebt, nicht feministisch», sagt sie. Das ist ein Understatement: Schweizweit berichteten die Medien 1996 über eine Siebzehnjährige aus Biel, die einen Schulstreik zur ökologischen Rettung der Erde und atomaren Abrüstung anzettelte und dabei Tausende Jugendliche auf die Strasse brachte. Doch erst die Uni liess Schutzbach ihre persönlichen Erlebnisse im gesellschaftspolitischen Kontext erkennen. Die empfundene Ungerechtigkeit fand ihre Sprache und Schutzbach ihre Aufgabe. Sie las, und forschte, über das Frauenstimmrecht und Abtreibungen unter Lebensgefahr. Dabei hatte man ihr doch schon als junge Frau gesagt: Die Gleichstellung ist erreicht, Dir steht die ganze Welt offen. Wenn sie heute über ihre damalige Erweckung nachdenkt, wird Schutzbach immer noch wütend und bald sagt sie: «Wo sind eigentlich die Reparationszahlungen der Schweiz an die Frauen für die jahrzehntelange Verweigerung politischer Mitsprache?»

Schutzbach schlug einen akademischen Weg ein. Schnell mischten sich ihre Rollen als Wissenschafterin und Aktivistin. Sie sagt: «Wissenschaft ist nicht einfach neutral, sondern entsteht in politischen Zusammenhängen.» Und Gender-Wissenschaften sowieso, eine Studienrichtung, die sich mit der aktuellen Gesellschaft und Machtfragen auseinandersetzt. Was Schutzbach vorschwebt, ist eine Politisierung der Gesellschaftsmitte, wie dies in Deutschland geschehe.

Aktivismus und medialer Entrüstungssturm

Franziska Schutzbach ist keine Gelehrte aus dem Elfenbeinturm, die sich auf Forschung für Forschende reduzieren will. Sie richtet sich an die Öffentlichkeit, die breite Masse. Auf sozialen Medien war sie es, die den Schweizer #Aufschrei lancierte  – ein Jahr vor der weltweiten MeToo-Bewegung. Daneben schrieb sie für das Journal «Geschichte der Gegenwart» und startete das Weblog «Präzis und Kopflos». Dort verknüpfte sie Hegel mit der Hegemonie der Rechten und Adorno mit der Aufarbeitung der Kölner Silvesternacht, schöpfte Zuversicht aus Walter Benjamin. Sie brach die grossen Schriften auf die
Aktualität herunter, immer informiert, oft populistisch, nie die eigene Position verheimlichend: «Wir Linken (sofern diese Kategorie noch greift) stehen unter Schockstarre. Es herrscht eine Art Katastrophenstimmung», schrieb sie ganz zu Beginn über die aufkeimende Diskussion zu gewaltausübenden Flüchtlingen.

Zwei Jahre vergingen, dann wurde 2017 die «Weltwoche» auf Schutzbach aufmerksam und kurz darauf machte sich die «Basler Zeitung» (BAZ) zum willfährigen Gehilfen einer Kampagne gegen Schutzbach, die nach ihrer Promotion in Berlin bereits an der Uni Basel dozierte. Sie torpediere die Meinungsfreiheit, lautete der widersprüchliche Vorwurf. In einem ironisierten Gedankenspiel hatte Schutzbach skizziert, wie man die SVP am Reden hindern müsse. Es war die denk-bar schlechteste Zeit für eine Debatte um eine Genderwissenschafterin mit politischem Sendungsbewusstsein: Die Uni Basel stand mitten in Finanzdiskussionen mit dem bürgerlichen Baselbiet, und lange war nicht klar, ob sich die Trägerkantone überhaupt noch diese neumodischen Gender Studies leisten wollten. Entsprechend dürftig unterstützte Rektorin Andrea Schenker-Wicki ihre angeschossene Dozentin, nannte ihr Verhalten «undemokratisch». Die Medien warfen ihr Naivität vor, selbst jene, die sie in Schutz nahmen. Tatsächlich hat Franziska Schutzbach diese impulsive, emotionale Seite, wie sie selber sagt. Ihre Gedanken auf dem Blog nannte sie einmal «unausgegoren». Dabei ist gerade Schutzbachs Vorgehen so beachtenswert: Sie nimmt nicht mal auf sich selber Rücksicht. Vor einigen Jahren schrieb sie etwa über Körperideale und machte ihre eigene Bulimie zum Ausgangspunkt: «Bei meiner Abreise nach Nepal war ich zehn Kilogramm unter meinem Normalgewicht. Ich war 19 Jahre alt und wollte mit meinem damaligen Freund ein Jahr lang durch Asien reisen. In meinem Schlankheitswahn hoffte ich, während des geplanten Trekkings noch mehr abzunehmen. Mein «Traumgewicht», wenn ich mich richtig erinnere: 48 Kilo, bei 1,73 Metern Körpergrösse», schrieb sie.

Diese persönliche Unmittelbarkeit ist unbequem und nicht- akademisch. Ihr Stil macht Schutzbach angreifbarer als Dürrenmatt oder Frisch, die in mancherlei Optik anarchistischer waren. Auch Ueli Mäder wurde seine politische Einstellung nie auf diese Weise zum Verhängnis.

Deutschland feiert die Basler Forscherin

Spätestens mit der BAZ-Kampagne hätte die Karriere von Franziska Schutzbach zu Ende sein können. Doch das Gegenteil traf ein. Zwar hielt sie sich an der Basler Uni künftig bedeckt. Doch während die beiden umtriebigsten Journalisten von 2017 inzwischen beide ihren Job los sind, trat Schutzbach ab Mitte 2018 zu einem Siegeszug an. Als Aktivistin veranstaltete sie feministische Salons und trat im Internet gegen Ungleichheiten verschiedener Art ein. Nicht als abgehobene Theoretikerin, sondern als eine, die Ungerechtigkeit am eigenen Leib erfahren hatte, als eine, die ihre eigene Verletzlichkeit und selbst Widersprüche transparent macht. So schwang sie sich zur wichtigsten öffentlichen Referenz der Schweiz in Geschlechterfragen auf. Schliesslich veröffentlichte sie ihr Buch «Die Rhetorik der Rechten», in dem sie Antifeminismus mit Rechtspopulismus verbindet. Damit schaffte sie endgültig den Sprung über die Grenze: Schutzbach ordnete in allen deutschen Leitmedien von FAZ über «Spiegel» bis ZDF die Methodik der Neuen Rechten wie Björn Höcke oder Marine Le Pen ein. Nichts anderes also, wofür sie in der Schweiz fast ihren Job verloren hätte.

In Basel, wo Schutzbach in einer Wohnung mit ihrer Familie lebt, blieb dies freilich weitgehend unbeachtet. Lediglich ein Regionalsender berichtete darüber.

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