UPK Basel

«Herr Benoy, was macht das Virus mit uns?»: Basler Psychologe untersuchte die Psyche in Corona-Zeiten

Charles Benoy leitet die stationäre Abteilung für Angst- und Zwangsstörungen in der UPK Basel.

Charles Benoy leitet die stationäre Abteilung für Angst- und Zwangsstörungen in der UPK Basel.

Charles Benoy ist leitender Psychologe in den Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) in Basel. Innert fünf Monaten hat er ein Buch über die Auswirkungen der Coronakrise auf die Psyche der Menschen geschrieben. Im Interview berichtet er über die Erkenntnisse.

Ihr Buch trägt den Titel «Covid-19. Ein Virus nimmt Einfluss auf unsere Psyche». Wo und wie spüren wir diesen Einfluss?

Charles Benoy: Eigentlich beeinflusst uns ja nicht das Virus selbst. Denn ob es Auswirkungen auf unser Gehirn hat, weiss man noch nicht. Aber die Massnahmen, die es zur Eindämmung braucht, und die Ängste rund um das Virus nehmen Einfluss. Wir haben unterschiedliche Grundbedürfnisse. Die Sicherheit gehört zu einem der wichtigsten. Daneben wollen wir aber auch Freiheit. Und da stecken wir jetzt im Dilemma: Alle sollen eine Maske tragen, weil das sicher ist, nur ich würde am liebsten keine tragen.

Sie haben das Buch innert weniger als einem halben Jahr geschrieben. Was war der Grund für das Projekt?

Ich leite hier an der Universitären Psychiatrischen Klinik in Basel (UPK) die stationäre Abteilung für Angst- und Zwangsstörung und ich hatte zunehmend Anfragen von ehemaligen Patienten. Sie meldeten sich, weil ihre psychische Belastung wieder stärker wurde. Mir war es wichtig, dass die psychologischen Auswirkungen von Eindämmungsmassnahmen auch Platz in der Debatte haben.

Wie haben Sie persönlich die Coronakrise erlebt?

Für mich war es eine eher positive Zeit, weil ich im Vergleich wenig eingeschränkt war. Für mich und meine Familie – wir haben einen kleinen Sohn – war es gar bereichernd. Daran zeigt sich: Für Menschen, die sich in einer sicheren und unbelasteten Situation befinden, kann die Krise auch positiv sein. Gleichzeitig sehen wir aber, dass die Probleme derjenigen, die schon mit Schwierigkeiten in die Krise gingen, tendenziell verstärkt wurden. Aus der Sozialpsychologie kennt man das: Krisen verstärken immer die Situation, in der man sich befindet.

Wie hat sich das im klinischen Umfeld gezeigt?

Patienten mit hypochondrischen Erkrankungen, also die Angst haben vor Krankheiten, waren durch die Situation viel belasteter als vor der Krise. Bei anderen sind Waschzwänge entstanden oder wurden verstärkt. Auch hatte ich Kontakt zu Patienten mit chronischen Depressionen, die seit einigen Jahren stabil waren, denen nun die Tagesstruktur weggebrochen ist. Ich sehe im psychiatrischen Bereich, dass sehr viele Vorerkrankte unter den Umständen leiden. Das ist eine der Risikogruppe, die wir ausmachen konnten.

Welche gibt es denn?

Da sind diejenigen, die ein Trauma aufgrund eines schwer zu verarbeitenden Lebensereignisses haben, etwa den Verlust einer Person durch das Coronavirus. Dann gibt es solche, die sich überarbeiten, etwa im medizinischen Umfeld. Weiter sind Menschen, die sozial isoliert sind und alleine leben, betroffen. Das Problem aber ist, dass Menschen oft nicht nur zu einer Risikogruppe gehören. Denn es gibt ja etwa Pflegepersonal, das zusätzlich unter einer psychischen Vorerkrankung leidet oder sozial isoliert lebt.

Wie lautet Ihre Prognose: Wird es mehr Menschen geben, die psychologisch betreut werden müssen?

inerseits werden einige Menschen, die schon belastet waren, jetzt die Schwelle zur ausgeprägten psychologischen Beeinträchtigung übertreten. Andererseits könnten die Erkrankungen ausgeprägter sein. Erste Zahlen zeigen zum Beispiel, dass 70 Prozent der Menschen mit Zwangsstörungen aktuell mehr unter ihrer Krankheit leiden als vor der Coronakrise. Wenn man sich die Statistiken aus China anschaut – auch wenn man da etwas vorsichtig sein muss –, sieht man, dass etwa 50 Prozent der Bevölkerung durch die Krise verstärkte Ängste entwickelt hat. Das dürfte bei uns nicht so stark ausfallen, da die Massnahmen weniger hart und die Aufklärung über das Virus besser waren. Aber aufgrund von Erkenntnissen aus anderen Epidemien kann es gut sein, dass sich ein zwischenzeitlicher Anstieg auf 20 bis 30 Prozent abzeichnen wird. Noch tappen wir im Dunkeln, aber wir sollten uns darauf einstellen.

Wie können Ihre Erkenntnisse im Buch im Falle einer zweiten Welle helfen?

Im klinischen Bereich muss man sich fragen, wie man Mitarbeitende im Gesundheitssektor vor einer zweiten Welle schützen könnte und ob man ihnen psychologische Unterstützung zur Seite stellen sollte. Bei Kindern und Jugendlichen haben wir gesehen, dass ihre Probleme deutlich verstärkt werden. Wenn etwa sozial benachteiligte Kinder nicht in die Schule gehen können und so den Anschluss verlieren. Gerade diese Gruppe braucht unsere Aufmerksamkeit.

Sie haben sich auch mit Menschen beschäftigt, die im Homeoffice arbeiten mussten.

Ja, es hat sich gezeigt, dass dieses Konzept längst nicht für jeden gut ist. Etwa die Hälfte der Leute kommt nicht damit zurecht. Entweder können sie ihren Alltag nicht genügend strukturieren oder sie spüren einen enormen Leistungsdruck und arbeiten noch mehr als zuvor. Dadurch gehören sie wiederum zur Risikogruppe derjenigen, die sich überarbeiten und so stärker gefährdet sind, an einem Burn-out zu erkranken. Darum gilt es zu klären, wie man das Homeoffice organisieren kann. Oder eben wie man Kinder, die benachteiligt sind, auch in Krisenzeiten abholen kann. Es braucht Denkanstösse in verschiedene Richtungen.

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