Glosse
Von Toren und Pfosten

Man sollte gewissen Debatten auf den sozialen Medien ausweichen. Grund dafür ist die Unsitte, die sich «moving the goalposts» nennt.

Stefan Strittmatter
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Bild: Dominic Favre / KEYSTONE

Um mir einen Rest geistiger Gesundheit zu bewahren, habe ich mir angewöhnt, Menschen mit gewissen Ansichten aus meinem digitalen Umfeld zu kippen. Bis ich auf Facebook den Post eines Unbekannten sah, der argumentierte, sämtliche Corona­statistiken seien falsch. Seine Begründung: Ihm selber sei kein einziger Fall persönlich begegnet. Und er kenne, so fügte er an, wirklich viele Leute.

Ob der Welthunger also auch erlogen sei, fragte ich ihn analog zu seiner Logik. Niemand in meinem Bekanntenkreis sei schliesslich je verhungert. Das seien Äpfel und Birnen, entgegnete er. Ich: «Keiner meiner Freunde fährt Volvo, Audi oder Citroën. Diese Autos existieren also nicht.» Er: «Die Marken gehören alle dem gleichen Grosskonzern.» Mein Einwand, dass das nicht der Punkt sei (und falsch obendrauf), verhallte unbeachtet.

Die Strategie, die er hier anwende, nenne sich «moving the goalposts», schrieb ich. Während des Spiels die Torpfosten zu verschieben, also das Thema zu wechseln. Darauf er: «Die Regierung ist schuld daran, dass man aktuell keine Matches besuchen darf.»

Ich gab mich damit zufrieden, dass mein virtuelles Gegenüber soeben das beste Anschauungsbeispiel für den verschobenen Torpfosten geliefert hatte. Und der Spielstand? Ich nehme an, wir beide fühlten uns als Sieger. Der Pfosten? In meinen Augen er. Und das Tor? Wohl eher der Tor: Nämlich ich, weil ich mich wider besseren Wissens auf diese Debatte eingelassen hatte.

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