Theater Basel

Ein Mensch, kein Heiliger

Saint François d'Assise_Nathan Berg®Ingo Hoehn-09188

Saint François d'Assise_Nathan Berg®Ingo Hoehn-09188

Benedikt von Peters Einstand am Theater Basel mit Messiaens «Saint François d’Assise» – kein leichtes Stück für Musiker und Publikum.

Dieser Supermarkt hat schon wesentlich bessere Zeiten gesehen: Längst kauft hier keiner mehr ein, die Leuchtreklamen hängen in Fetzen, bis auf ein paar Gummibäume ist das Inventar geplündert. Auf dem Parkplatz haben sich ein paar Obdachlose eingerichtet. Einer von ihnen heisst François. Und er ist krank. Ein Mensch, nichts weiter. Alles Heilige ist ihm abhanden gekommen.

Der Regisseur Benedikt von Peter und sein Bühnenbildner Márton Agh entwerfen in von Peters Einstand als Intendant und Opern-Chef am Basler Theater ein post-apokalyptisches Szenario, das jedem Filmset gut anstehen würde. Aghs Meisterstück sind die Pfützen, die so lebensecht aussehen, dass man gleich um die Protagonisten fürchtet, wenn sie sich mit diesem Wasser waschen. Die Schranken zwischen Publikum und Bühne sind aufgehoben: Der Graben ist gedeckt, Laufstege ziehen sich durch den Zuschauerraum, ein Teil des auf die Hälfte eingedampften Publikums sitzt auf der Bühne und das Orchester erhält die ganze linke Seite.

Haustier im Aktenkoffer und unheilbringende Raben

Ach ja, und die Vögel: Sie spielen sowohl beim Heiligen Franz wie bei Olivier Messiaen eine zentrale ­Rolle. Nicht nur im zweieinhalbstündigen Klavierzyklus «Catalogue d’Oiseaux», sondern in fast jedem Werk, das Messiaen nach dem Zweiten Weltkrieg komponiert hat, zwitschern Piepsmatze durchs Geschehen. Klar, dass die Vogelpredigt, die wohl bekannteste Szene aus der Heiligen-Vita von Franz von Assisi, von Messiaen wunderschön farbig ausgeschmückt wird.

Auf der Bühne aber gibt es sie nicht, die Vögel: Alle tot. Einen der letzten hütet François als Fetisch in einem Aktenkoffer, wohl sein ehemaliges Haustier. Und er faltet aus schwarzem Papier Origami-Vögel. Zu Hunderten setzt er sie auf die tief hängenden Stromleitungen, wo sie wie ein Schwarm unheilbringender Raben anmuten und ­diese Dystopie sehr passend umrahmen.

Das ist handwerklich alles sehr gut gemacht von der Regie, aufmerksam ausgeschmückt bis in die feinsten Details. Zudem wird es von allen auf der Bühne mit viel Körpereinsatz auch sehr eindrücklich gespielt. Aber es bleibt eine fremde Geschichte. Mit Messiaens heilssehnsüchtiger Heiligenverklärung hat sie nichts zu tun.

Es gibt durchaus liebenswert menschliche, auch witzige Momente in diesem Stück, man muss den Engel tatsächlich nicht unbedingt als überirdisches Wesen zeichnen, aber spätestens bei der Stigmatisierung, schliesslich beim Sterben und in der Verklärung dieses Todes ­legte der tief gläubige Katholik Messiaen ein derart inbrünstiges Bekenntnis in seine Musik, die er 1983 schrieb, dass eine Inszenierung, die ­diese starke Spiritualisierung negiert, schlicht ins Leere laufen muss.

Von Peter aber bleibt bei dieser Schweizer Erstaufführung trotzig auf seinem Weg bis zum Ende, bricht laufend die Emphase, die Messiaen zunehmend suggestiv aufbaut. Am Ende bleiben ihm dafür nur noch die Pausen, in denen er mit klapperndem Geschirr oder stampfenden Schritten seine längst verlorene Stellung zu halten versucht. Es gibt einfach Musik, die sich auf der Opernbühne mit ­vehementer Kraft auch den besten Ideen noch so versierter ­Regisseure widersetzt.

Virtuose Schlagwerker und viel Raum für die Sänger

Messiaens Musiksprache ist immer sehr gestisch, sehr rhetorisch, arbeitet gern mit wiederkehrenden Mustern, die hörend problemlos nachvollziehbar sind. Clemens Heil und die ­Musiker des Sinfonieorchesters ­Basel, gerade die virtuosen Schlagwerker, schafften es eindrücklich, solche Muster auf ­Anhieb exakt wieder im gleichen Charakter zu treffen. Den Sängern gibt Messiaen sehr viel Raum, indem er sie nur sehr sparsam begleitet und das Orchester oft kommentierend zwischen ihre Linien setzt.

Und die beim Komponisten Oscar Strasnoy in diesem Sommer eilig in Auftrag gegebene Kammerversion der riesig besetzten Partitur – für immer noch 40 statt über hundert Musiker – sorgt zusätzlich für durchsichtige Transparenz. Sängerisch musste sich niemand ­Vorwürfe gefallen lassen, beeindruckend waren Rolf Romei als Leprakranker, Alfheiour Erla Guomundsdottir als Engel und vor allem Nathan Berg in der ­Titelrolle: eine Parforce-Leistung des kanadischen Bass­baritons, der praktisch pausenlos auf der Bühne stand, aber bis zum Ende stimmlich nie Kompromisse eingehen musste.

Herzlicher Applaus von einem – den Corona-Massnahmen geschuldet – halben Publikum, was halt auch nur halb so begeistert klingt. Kein leichtes Stück, weder für Regie und Musiker, noch für die Zuschauer. Aber keine Buhs – ein warmer Empfang für Benedikt von Peter bei seinem Einstand als Intendant und Opernchef.

Weitere Aufführungen:
www.theater-basel.ch

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