Weihnachtsverkauf
Die vorgezogene Preisschlacht

Heute ist der erste verkaufsoffene Sonntag in Basel. Es ist der letzte Hoffnungsschimmer für den krisengeplagten Detailhandel. Das Gewerbe lockt im grossen Stil mit Rabatten.

Aline Wanner (Text) und Martin Töngi (Bild)
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bz Basellandschaftliche Zeitung

Die Frau staunt im Vorbeigehen. Misstraut den vielen Aktions-Schildern. Wirft einen prüfenden Blick in das Geschäft. Tatsächlich. Alles reduziert. Denn: Misstrauisch sind auch die Detailhändler. An das grosse Weihnachtsgeschäft wollen sie nicht mehr so richtig glauben. Und reduzieren die Ware, auf der sie sitzen.

Seit drei Monaten sehnen sich die Geschäfte den letzten schönen Herbsttag herbei. Vergeblich. Der Herbst will nicht enden. Genau so wenig wie die Eurokrise. Wie der Einkaufstourismus ins grenznahe Ausland. Wie die schlechte Stimmung. Die Umsätze bleiben unter den Erwartungen. Der Detailhandel leidet insbesondere in der Grenzregion Basel. Noch macht das Gewerbe gute Miene zum bösen Spiel.

Aktionen gibts noch keine

Im Innendekorationsgeschäft Füglistaller, das den Weihnachtszauber in der Freie Strasse zu eröffnen versucht, strahlen die Weihnachtskugeln mit den Sonnenstrahlen um die Wette. Nach 16 Uhr kommt den Kugeln und Glitzerhirschen die Dämmerung zu Hilfe. Und eine Kundin, die ihre Pelzmäntel und Stiefel zu sehr mag, um sie unbeachtet im Schrank zu lassen. Von den Teelichtern, die dank der Wärme der Kerze wie kleine Karusselle im Kreis drehen, gingen schon einige über den Ladentisch. Die Verkäuferin will nicht klagen. Klar, kühlere Tage treiben mehr Kunden ins Geschäft. Aktionen gibts aber noch keine.

Sale-Schilder sind dafür weiter unten in der Freie Strasse zu finden. Je näher die Passanten zum Marktplatz kommen, desto mehr rote Schaufenster finden sie. Das Kindergeschäft «Fashion for Kids» will potenzielle Kunden vom Weihnachtsmarktstrom zwischen Münsterberg und Kaufhausgasse abzweigen. Bereits gewährt der Laden vierzig Prozent Rabatt auf das ganze Sortiment. Noch mehr Preisabschlag werde es nicht mehr geben. Anders klingt es in der Filiale des Modekonzerns Benetton. Vorerst gibt es zwanzig Prozent Rabatt auf alles. Aber das ist erst der Anfang. Die Verkäuferin hier nickt. Ja, in diesem Jahr habe man sehr früh mit dem Ausverkauf begonnen. Warum? Weil die Kunden sich danach erkundigten und nicht besonders kauffreudig waren. Und vor allem, weil die anderen mit Rabatten locken.

Dreissig bis fünfzig Prozent

Wie der Herren-Globus gegenüber. Am Schaufenster klebt ein grosser roter Kreis. Presale steht darauf geschrieben. dreissig bis fünfzig Prozent. Hochwertiges reduziert. Globussprecher Jürg Welti will zwar noch keine Beurteilung des Weihnachtsgeschäftes vornehmen. Ab August sei es aber sehr schwierig gewesen, die Umsatzziele zu erreichen. «Wir sind nicht da, wo wir hinwollten», sagt Welti. Und setzt dann zum einstudierten Optimismus an. Die Verkaufssonntage in Zürich seien erfolgreich gewesen. Darauf hoffe man auch in Basel. Der Kauf von Geschenken habe eingesetzt. Klassiker würden gut laufen: Panettone, Fondue, Champagner. Den Liebsten wolle man zu Weihnachten was Schönes gönnen.

Zum Beispiel Parfüm. Auf die Flaschen mit einem gelben Punkt gibt es im Warenhaus Pfauen zwanzig Prozent Rabatt. Die Kunden danken es Coop und schleichen um die Regale. Schnäppchen sind in. Wenn man denn schon einmal nicht ins grenznahe Ausland dafür gehen muss. Coop-Sprecherin Sabine Vulic weiss, dass der starke Franken dem Pfauen und Coop City zu schaffen macht. Ebenso das milde Wetter. Es verzögere das Weihnachtsgeschäft bisher.

Warme Temperaturen schaden Outdoor-Spezialisten

Besonders betroffen vom Wetter sind Anbieter von Textilien. Wie der Outdoor-Spezialist Transa. «Die Umsatzsituation bleibt in diesem Jahr tatsächlich auf breiter Front unter unseren Erwartungen», sagt Pressesprecher Ruedi Thomi. Der Umsatzrückgang sei zwar noch im einstelligen Prozentbereich. «Allerdings drücken die Preissenkungen infolge des starken Frankens markant auf den Ertrag», erklärt er. Die hohen Temperaturen im November und die daraus resultierenden schlechten Verkaufszahlen bei der Winterbekleidung haben Transa dazu veranlasst, vom 1. bis zum 11. Dezember zwanzig Prozent Rabatt auf alle Schuhe und Kleider zu gewähren.

Das Bild zieht sich durch. Bonita: heute zwanzig Prozent. Laline: ab sofort Preissenkung auf das ganze Sortiment. Esprit: Eine Promo-Aktion, die noch grösser werden soll. Promod: fünfzig Prozent auf einen Teil des Sortimentes. PKZ-Weihnachtsgeschenk: drei für zwei.
Guess: Rabatte auf bestimmte Artikel. Companys: fünfzig Prozent Rabatt auf das ganze Sortiment. Zwei Passantinnen blicken auf das Schild. «Wahnsinn», sagt die eine. Und geht rein, um zu schauen, ob es wirklich so ist. Sie ist nicht die Einzige. Am Eingang gibt es Stau.

Bei Schild geht der Plan auf

Am grössten ist das Gedränge im Modehaus Schild. Dort gibt es einen Umbau-Verkauf. Dreissig Prozent, fünfzig Prozent, siebzig Prozent. Alles ist günstiger. Männer und Frauen tummeln sich um die Handschuhe und Hüte, die sie draussen zum Schwitzen bringen würden. Der Umbau des Geschäftes ist zwar erst für den Februar 2012 geplant. Trotzdem sagt Schild-CEO Thomas Herbert, dass die Rabattaktion nur aufgrund des Räumungsverkaufes jetzt schon stattfindet. Ähnliche Aktionen würden derzeit in zwei weiteren Filialen laufen, die ebenfalls im Frühjahr umgebaut werden sollen. Der Plan, Kunden zu locken, scheint auf jeden Fall aufzugehen.

Auch in Liestal ist der Rabatt-Trend angekommen. Vor dem Damenmodegeschäft Desiree beim Eingang des Stedtlis verspricht ein Schild ab sofort bis zu 70 Prozent Rabatt inklusive Eurorabatt. «Wir starteten die Aktion, weil in Basel bereits einige Läden mit vergünstigter Ware locken», sagt die Verkäuferin. Das Schuhgeschäft Baccara Mode gewährt seinen Kunden dreissig Prozent Rabatt auf alle Taschen. Ungern, wie Inhaber René Frei sagt. Er mag keine roten Schaufenster vor Weihnachten. Aber klar, das Geschäft sei nicht gut gelaufen in diesem Jahr. «Dabei habe ich doch so schöne, warme Jacken eingekauft», sagt Frei. Sie hängen alle noch da. Zu fest jammern will aber auch der Kleingewerbler nicht. Das schade dem Geschäft.

Zwanzig Prozent wegen dem Euro eingebüsst

Marcel Haldi von der Dream Gallery hingegen nimmt klein Blatt vor den Mund. Er ist unzufrieden. Die Lage sei wirklich schlecht. Zwanzig Prozent Umsatz habe er im Oktober und November wegen des Euros eingebüsst. In der Dream Gallery können die Kunden hauptsächlich Schweizer Produkte kaufen: Swatch-Uhren oder VictorinoxTaschenmesser. Euro-Rabatte kann Haldi deshalb kaum gewähren. Zum Weihnachtsgeschäft will er noch nichts sagen. Das ziehe hoffentlich noch an. Darauf hoffen auch die Buchhändlerinnen vom Kinder- und Jugendbüchergeschäft Buchinsel. Der grosse Ansturm blieb bisher aus.

Dass das Weihnachtswunder für das Gewerbe in diesem Jahr ganz ausbleibt, scheint nicht ausgeschlossen. Urs Welten, scheidender Präsident von Pro Innenstadt, zeichnet ein düsteres Bild. Welten war zehn Jahre an der Spitze der Organisation, die sich für Anliegen des Gewerbes starkmacht. An ein anderes solch schlechtes Jahr könne er sich kaum erinnern. Anfang Jahr habe Fukushima auf die Stimmung geschlagen. «Danach nahmen die Negativ-Meldungen aus dem Euro-Raum kein Ende mehr», sagt er. «Das hat die Stimmung getrübt und die Leute daran gehindert, Geld auszugeben.» Oder sie seien einfach nach Deutschland gefahren. Für alles.

Wer rettet nun die Basle Innenstadt?

Welten wirkt irgendwie ratlos. Das Weihnachtsgeschäft habe die Erwartungen bisher untertroffen. Der Pro-Innenstadt-Präsident hofft auf eine Wende im neuen Jahr. Personell ist diese bereits gesichert: Blocher-Tochter Miriam, Inhaberin des Läckerli-Huus, steht in den Startlöchern, um Basels Innenstadt zu retten.

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