Fondation Beyeler
Die Schweiz durch Ferdinand Hodlers Augen – Generationen diskutieren

Auf einem hoch dotierten Podium wird über Ferdinand Hodler, das Image der Schweiz, über Mythen und über Politik gesprochen. Eine Qualität des Abends: Er kippte nicht in eine politische Veranstaltung ab.

Simon Baur
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Hodler-Diskussion in der Fondation Beyeler.

Hodler-Diskussion in der Fondation Beyeler.

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Einiges war vorauszusehen und doch kam Vieles anders, an diesem Abend in der Fondation Beyeler. Den Hintergrund bildeten fünf Frauen auf dem grossen Bild «Blick in die Unendlichkeit», das dem Basler Kunstmuseum gehört. Auf dem Podium fehlten die Frauen und der Blick richtete sich weniger auf die Unendlichkeit, dafür auf die Vergangenheit und das Jetzt. Unter der Leitung von Finn Canonica, Chefredaktor des Magazins, der Samstagbeilage diverser Zeitungen, diskutierten vor ausverkauftem Saal, Stefan Zweifel, der Leiter des SRF Literaturclubs, Gerhard Schwarz, Direktor von Avenir Suisse, der Regisseur von «Das Boot ist voll» Markus Imhoof und mitten drin - prägnant wie Eiger, Mönch und Jungfrau in Personalunion - Christoph Blocher, Politiker. Thema ihrer Diskussion war die Frage in wie weit Ferdinand Hodler mit seinem Oeuvre das Selbstbild der Schweiz geprägt hat.

Gegensätze mit Potential
Obwohl das gestellte Thema nicht sehr glücklich gewählt war, versuchten doch alle Gesprächsteilnehmer auf ihre eigene Art einen substantiellen Beitrag an die gestellten Fragen zu leisten. Dass die Antworten allesamt sehr persönlich ausfielen und die Diskussion nie in eine politische Veranstaltung kippte, war eine erste Qualität des Abends. Stefan Zweifel versuchte nicht nur im ersten Anlauf, sondern während der gesamten Diskussion, das Bild der monolithischen Künstlerpersönlichkeit Hodlers zu entkräften, in dem er sowohl auf den fruchtbarkeitsdurchtränkten Nachnamen des Künstlers anspielte, als auch Hodlers Nähe zu ausländischen, ja gar surrealistischen Gruppierungen beschwor. Sein verhageltes, vernageltes und eingekeiltes Hodlerbild erfuhr durch die Ausstellung in der Fondation Beyeler eine Neubewertung, die nicht nur bei Markus Imhoof und Christoph Blocher emsiges Schmunzeln auslöste. Die beiden gehören nicht nur der selben Generation an, es verbinden sie auch gemeinsame Schul- und Armeeerlebnisse, sowie ein ähnlich gelagertes Mythenverständnis für den Künstler Ferdinand Hodler, für seine Landschaften und historischen Darstellungen. Gerhard Schwarz hatte als Voralberger eine philatelistische Erstbegegnung mit Hodler, die sich zu einem sehr urbanen Hodlerbild transformiert hat und sich in der Nähe der von Imhoof postulierten Schweiz als Labor der Konvivenz ansiedelt.

Einmütigkeit in der Divergenz
Während Blocher Hodler nicht zu einem Mythos und einer Ikone stilisieren wollte und mit dem Ausspruch «Niederlagen können wichtig sein», weniger auf seine Abwahl als Bundesrat dafür auf die schweizerische Schlappe in der Schlacht von Marignano fokussierte und man ihm die lachend vorgetragenen Schlenker auf seine Liebe zur Schweiz, die Sinnlosigkeit des EWR und der Schweizerische Filmförderung sommerlich gutgelaunt verzieh, schwebte Zweifel zeitweise in pathetisch-sublimen Gefilden, die jedoch immer darauf abzielten Hodler als Kind seiner Zeit zu verorten. Schliesslich scheiterte auch sein Versuch Blocher als Anti-Tell zu stilisieren, der Kraft seiner Präsenz und Wirklichkeit den eigenen Mythos gar nicht erst zulässt. Einmütigkeit - auch dies ein Thema Hodlers - war schliesslich in aller Munde, das Thema in weite Ferne, das nahende Essen in einige Nähe gerückt. Und so zogen sie von dannen die fünf Aufrechten, ohne Fähnlein und keiner warf einen Blick zurück wie einer der Krieger von Marignano - in dem man Hodlers Selbstbildnis erkennen kann.

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