Das ist höchst ungewöhnlich und dürfte bei Nationalratswahlen ein Novum sein. Bisherige erhalten sonst stets die vordersten Plätze. Schliesslich will keine Partei riskieren, dass ein Amtsträger abgewählt wird.

Ist Listenplatz 2 also ein Affront gegenüber der Sissacherin Graf, die seit 18 Jahren der Grossen Kammer angehört? Mitnichten. Dahinter stecken Kalkül und Selbstbewusstsein der Sieger-Partei der Landratswahlen von Ende März. «Wir setzen auf eine starke Doppelspitze», sagt Grünen-Präsident Bálint Csontos. Je ein Zugpferd für die Stände- und die Nationalratswahlen. «Weil für Maya der Ständeratswahlkampf dominieren wird, erweitern wir für den Nationalrat die Spitze um Florence», erklärt er und ergänzt: «Manchmal lohnt es sich, ein Muster zu durchbrechen.»

Die Überlegung: Die Oltingerin Brenzikofer, die das beste Landratsresultat des ganzen Kantons eingefahren hat, kann so auf Augenhöhe mit und nicht im Schatten von Graf den Wahlkampf der Grünen bestreiten. «In diesem Fall freut es mich, die Nummer 2 zu sein», sagt Graf zur bz. Sie fände die Strategie genial, da die Wählerschaft so sehe, welche Prioritäten die Partei setze. Graf und Brenzikofer würden im Wahlkampf auch oft zusammen auftreten.

Brenzikofers Chancen so gut wie nie

Blickt man auf die letzten nationalen Wahlen 2015, so konnte von «Augenhöhe» allerdings keine Rede sein: Panaschier-Königin Graf holte mit gut 36'000 Stimmen über alle Parteien gesehen das beste Resultat überhaupt, Brenzikofer schaffte bei den Grünen zwar Platz 2, blieb mit rund 9000 Stimmen aber Welten hinter Graf zurück. «Ich bin sicher, dass wir Zwei dieses Mal viel näher zusammenrücken werden. Das ist ja auch die Absicht unserer Strategie», sagt Graf. Geht am 20. Oktober für die Grünen alles auf, zieht Graf ins Stöckli und Brenzikofer in den Nationalrat ein. «Ich bin mir bewusst, dass meine Chancen, gewählt zu werden, so gross sind wie noch nie», sagt Letztere.

Die Strategie birgt aber auch ein Risiko, wenn man davon ausgeht, dass der Kandidat auf Listenplatz 1 in der Regel die meisten Stimmen macht. Scheitert Graf nämlich im Ständeratsrennen, könnte ihre Parteikollegin sie ganz aus Bundesbern verdrängen. «Dazu mache ich mir überhaupt keine Gedanken», sagt Graf schlicht. Und Brenzikofer muss gar schmunzeln: «Es ist unrealistisch, dass ich Maya aus dem Nationalrat werfe. Dafür hat sie einen zu hohen Bekanntheitsgrad.»

Arrivierte machen Jungen Platz

Als unrealistisch bezeichnet Csontos auch, dass die Grünen dank der aktuellen Erfolgswelle und der Klimadebatte im Herbst sogar zwei Sitze in der Grossen Kammer holen. Im Gegenteil: «Es ist realistisch, dass wir im Vergleich zu den Landratswahlen etwas verlieren werden.» Schon 2011, als der Fukushima-Effekt wirkte, verringerte sich der Wähleranteil der Grünen bis zu den nationalen Wahlen von 13,7 auf 12,6 Prozent. Andererseits: Auf den Einbruch bei den Landratswahlen 2015 auf 9,6 Prozent folgte dank eines Efforts im Herbst die Steigerung auf 14,2 Prozent. Die 15,2 Prozent der 2019er-Landratswahlen aber nochmals zu steigern, dürfte schwierig werden. «Das Ziel ist, den Sitz zu halten. Dessen Verlust wäre eine Katastrophe», sagt Csontos, im Wissen, dass es vor vier Jahren mit der SP-Listenverbindung nur knapp für drei Sitze reichte.

Was auffällt: Auf der Siebnerliste fehlen einige Polit-Schwergewichte wie Landrat Klaus Kirchmayr. Dafür sind – neben Csontos und dem ehemaligen Landratspräsidenten Philipp Schoch – mit der neu gewählten Landrätin Anna-Tina Groelly aus Gelterkinden, der Allschwiler Landratskandidatin Simone Meier und dem Liestaler Einwohnerrat Dominik Beeler eher jüngere, unerfahrenere Gesichter zu finden. «Als Arrivierte sollte man Platz machen für die künftigen Hoffnungsträger. Wir wollen nicht plötzlich Personalprobleme bekommen wie viele andere Parteien», sagt Kirchmayr, der es vorzog, die Findungskommission zu leiten.