Der Text, den ich nie fortführen wollte

Eva Oberli ist Schülerin am Gymnasium in Muttenz und wohnt auf einem Bauernhof in Niederdorf.
Merken
Drucken
Teilen

Ich widerrufe. Corona ist doch nicht die Virusversion von Dolores Umbridge (siehe bz vom 17. März 2020), sondern viel mehr der viral gegangene Till Eulenspiegel. Erst hat uns Covid-19 in den kollektiven Hausarrest geschickt, nun hält er uns den Spiegel vor. Corona ist im Konfrontationsmodus.

Jetzt, wo wir brav zu Hause sitzen und pausenlos nach neuen Beschäftigungen suchen, weil wir das Alleinsein und das Drinnenbleiben nicht mehr aushalten, sind wir dazu gezwungen, auch einfach mal nachzudenken. Und da kommt der Eulenspiegel an, mit der vollen Breitseite an verschiedensten Erkenntnissen: Freunde und Familie fehlen, Homeoffice ist machbar, für Puzzles ist man nie zu alt, systemrelevante Berufe verdienen Anerkennung, Nudeln kann man doch nicht jeden Tag essen.

Auch wenn es uns hier und da wehmütig stimmt, uns überfordert oder gar beschämt, weil wir uns unser früheres, ignorantes Verhalten vor Augen führen oder unsere Unfähigkeit, Office 365 richtig zu bedienen – wir haben es gebraucht, uns dieser Dinge bewusst zu werden. Den Blick für das Wesentliche zu schärfen, die Umwelt wahrzunehmen, die kleinen Dinge wieder mehr zu schätzen. Und bis hierhin ist ein bisschen Selbstreflexion ja auch schön und gut.

Nur hört es hier nicht auf. Denn Corona macht uns auch klar, womit wir nicht klarkommen. Damit wären wieder bei der Beschäftigung. Kaum drei Wochen im Social Distancing Game fällt uns nichts Besseres mehr ein, als uns selbst Fransen zu schneiden und Bananenbrot zu backen. Und die Ergebnisse mit Nuance Acrylamid anschliessend zwischen #oldpicturechallenge und #stayhome in die Story zu posten. Sagt doch ganz schön viel aus über unseren aktuellen Zustand.

Eigentlich wollten wir diese Zeit zur Entschleunigung nutzen, um uns zu erden und die innere Mitte zu finden oder alternativ wenigstens das Herzchakra. Vielleicht noch ein bisschen Mandalas malen, Facetime mit den Besten, ein bisschen Sport im Wohnzimmer und «mal so richtig was kochen». Stattdessen finden wir uns in einer Situation wieder, die uns mit unseren wahren Schwächen konfrontiert. Jetzt müssen wir tun, was wir fast verlernt haben: Verantwortung übernehmen und die Konsequenzen des eigenen Handelns tragen. «Hab die Regeln nicht gemacht, nur ausgelegt, wie es mir passt» ist jetzt nicht mehr. Wer gegen Verbote verstösst, ist nicht mehr der coole Draufgänger, sondern der egoistische Vollidiot. Wer sich nicht an die Gebote hält und eine Busse kassiert, als Folge seines eigenen, bewussten Fehlverhaltens kriegt nirgends mehr Rückhalt, wenn er gegen «die da oben» wettert. Nicht mal mehr zu Mama und Papa rennen kann er, damit sie für ihn klären, wenn’s brenzlig wird– wegen des Schutzes der Risikogruppe. Das perfekte Szenario, um wieder ein bisschen von der Schleimspur wegzukommen, zurück zum Rückgrat.

«Wenn der Schüler bereit ist, kommt der Meister» besagt ein altes Sprichwort. Wir waren also bereit, uns den Meister zeigen zu lassen. Jetzt können wir zeigen, ob wir auch gute Schüler sind.