Das Wort zum Tag
Give Pi a chance!

Kuriose Feiertage gibt es zuhauf. Am 14. März beschäftigen wir uns mit einer mathematischen Glanznummer: dem Pi-Tag.

Hannes Nüsseler
Hannes Nüsseler
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Die «Quadratur des Kreises» hat Konjunktur: Als sprachliche Chiffre steht sie derzeit für die Unvereinbarkeit politischer Interessen im Ukrainekrieg. Gemeint ist damit aber eine eigentlich friedliche Fragestellung aus der Geometrie: Wie lässt sich ein Kreis nur mit Lineal und Zirkel in ein Quadrat gleicher Grösse überführen? Die Antwort der alten Griechen darauf: gar nicht.

Grund dafür ist die sogenannte Kreiszahl, deren Kürzel Pi (π) sich an den Anfangsbuchstaben von Griechisch «perímetros» (Umfang) anlehnt – und durch die Schriften des Basler Mathematikers und Physikers Leonhard Euler (1707–1783) weltberühmt wurde. Pi beschreibt das problematische Verhältnis eines Kreisumfanges zu dessen Durchmesser – problematisch deshalb, weil sich diese Kreiszahl unmöglich mit ganzen Zahlen ausdrücken lässt. Dafür ist dieses Verhältnis immer konstant, egal ob es sich um eine Tellermine, einen runden Tisch oder den Äquator handelt. Wird der Umfang durch den Durchmesser geteilt, ergibt sich immer die gleiche Zahl:

3,1415926535 8979323846 2643383279 5028841971 6939937510 5820974944 5923078164 0628620899 8628034825 3421170679 8214808651 3282306647 0938446095 5058223172 5359408128 4811174502 8410270193 8521105559 6446229489 5493038196 4428810975 6659334461 2847564823 3786783165 2712019091 4564856692 3460348610 4543266482 1339360726 0249141273 7245870066 0631558817 4881520920 9628292540 9171536436 7892590360 0113305305 4882046652 1384146951 9415116094 3305727036 5759591953 0921861173 8193261179 3105118548 0744623799 6274956735 1885752724 8912279381 8301194912

– und das sind nur die ersten 500 Stellen.

Tatsächlich bricht die Zahlenreihe nicht ab. Archimedes berechnete sie 250 Jahre vor Christus auf zwei Dezimalstellen. Der Weltrekord für die höchste Anzahl Pi-Stellen, den die Fachhochschule Graubünden 2021 aufstellte, liegt aktuell bei über 62 Billionen Stellen. Da sich die Zahlen nie wiederholen, beinhaltet die Zahlenreihe theoretisch alle bisherigen und zukünftig geschriebenen Bücher, einschliesslich aller Kriegserklärungen und Friedensverträge.

Eine Kuchenschlacht – oder ein 4. Weltkrieg mit Steinen und Stöcken?

Die Zahl Pi ist Kult. Astronomen senden sie per Radioteleskop ins All, um bei den Ausserirdischen anzugeben. Commander Spock exorzierte einen bösartigen Bordcomputer, indem er ihn Pi berechnen liess. Thomas Mann schrieb im «Zauberberg» über den «verzweifelten Bruch», der Inder Rajveer Meena kann sich 70’000 Stellen auswendig merken, und der aktuelle Rekord im Pi-Vorlesen liegt bei 108’000 Nachkommastellen in 30 Stunden. Praktischer Nutzen: null.

Und gerade darin liegt die Schönheit der Zahl. Fand zumindest US-Physiker Larry Shaw, der 1988 den 14. März (amerikanische Schreibweise: 3/14) zum Pi-Tag erklärte, der seither mit dem traditionellen Verzehr und Werfen von Kuchen (pie) gefeiert wird – passend zum zeitgleichen Geburtstag Albert Einsteins, der angesichts der nuklearen Bedrohung einst orakelte, dass ein 4. Weltkrieg wohl nur noch mit Steinen und Stöcken ausgetragen würde. Dann doch lieber eine Kuchenschlacht – give Pi a chance! (Wer mitgezählt hat: Dieser Artikel enthält ohne Titel, Lead und Fussnote punktgenau dreitausendundeinhundertundeinundvierzig Zeichen.)

In der Reihe «Das Wort zum Tag» knöpft sich die bz-Kulturredaktion in loser Folge spezielle Kalendertage vor. Ebenfalls gefeiert wird heute der International Ask a Question Day und der «Tag des Nickerchens am Arbeitsplatz» in den USA.