Pandemie
Beinahe Totalschaden, Kredite und Beharrlichkeit: Regionale Musikschaffende leiden unter der Corona-Situation

Wegen Corona leiden die regionalen Musikschaffenden und deren Geschäftspartner. Wie ergeht es den lokalen Labels und Bookingagenturen?

Michael Gasser
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Live-Konzerte sind wegen Corona nicht möglich, doch die Basler Popszene versucht, sich irgendwie durchzuschlagen.

Live-Konzerte sind wegen Corona nicht möglich, doch die Basler Popszene versucht, sich irgendwie durchzuschlagen.

zvg

Das Konzertleben steht still. Und weil die Pandemie andauert, müssen auch die lokalen Musikerinnen und Musiker wohl oder übel im Homeoffice ver­harren und zuhause an ihren Projekten feilen. Dies hat zur Folge, dass ein Grossteil der Einnahmen für sie selbst wie auch für ihr geschäftliches Umfeld – wie Labels, Management und Bookingagenturen – auf der Strecke bleibt.

Weshalb der RFV bereits im letzten Jahr entschieden hat, sein Förderprogramm Business-­Support, ausgerichtet auf Musik-KMUs aus der Region, den ­widrigen Gegebenheiten anzupassen. «Bereits in der ersten Jahreshälfte 2020 war klar, dass es kein ‹Business as usual› geben wird, sondern, dass es für die Betroffenen erstmal darum geht, sich über Wasser zu halten», erklärt RFV-Fachleiterin Claudia Jogschies.

Lage ist trotz Förderprogramm schwierig

Das Förderprogramm war laut ihr keineswegs als Ent­schädigung für entgangene Ein­nahmen gedacht, sondern hatte zum Ziel, die Musik-KMUs bei «Investitionen in Projekte und Infrastruktur zu unterstützen, die zum Aufrechthalten des wirtschaftlichen Betriebs notwendig sind». Letztlich sprach der RFV Ende August 2020 mit seiner Covid-Sonderedition des Business-Support für sechs Musik-KMUs insgesamt 36'000 Franken.

Doch wie haben die Berücksichtigten die Gelder konkret verwendet? Und wie stellt sich ihre wirtschaftliche Situation heute dar?

David Burger, einer der beiden Geschäftsführer der Basler Musikagentur Radicalis, bekennt, die Lage sei schwierig: «Wir sind bemüht, die Struk­turen zu erhalten und müssen stetig mit der sich verändernden Situation unsere Strategien anpassen. Der Umsatz ist zu 95 Prozent zusammengebrochen und aufgrund der Einschränkungen verdienen wir mit Konzerten aktuell gar kein Geld mehr.»

Eher ein Tropfen auf den heissen Stein

Von der Covid-Edition des Business-Support wurde das Unternehmen mit 9'000 Franken ­bedacht. Eingesetzt habe man diese etwa in den Bereichen Marketing, E-Commerce und Merchandise. «Wenn man die Umsatzeinbrüche plus die Spätfolgen mit den gesprochenen Beiträgen in Relation bringt, liesse sich sagen, die Unterstützung sei eher ein Tropfen auf den heissen Stein. Aber wir wollen uns bestimmt nicht beklagen. Unsere Existenz ist jedoch grundsätzlich gefährdet, da sich unsere Branche erst langfristig erholen wird», zeigt sich Burger überzeugt.

Es werde Jahre dauern, bis man wieder an vergangene Geschäftsjahre anknüpfen könne. «Wir haben aber alles Notwendige in die Wege geleitet, um in den nächsten Monaten durchzukommen und einen Konkurs abzuwenden.»

Derzeit konzentriere sich Radicalis auf jene Geschäfts­bereiche, die trotz Corona weiterhin aktiv seien und mit denen man nach wie vor Umsatz er­zielen könne. «Dabei handelt es sich mehrheitlich um Labelarbeit, um das Veröffentlichen von Musik und um das Management unserer Künstlerinnen und Künstler, die ja weitaus mehr machen als ‹nur› Konzerte zu geben», weiss Burger.

Man fühlt sich ernstegenommen

Auf die Frage, ob sich das Unternehmen vom RFV respektive von der öffentlichen Hand mehr Unterstützung wünschen würde, antwortet er: «Der RFV und auch die kantonalen und nationalen Behörden engagieren sich in dieser Ausnahme­situation enorm.» Zumindest im Kanton Basel-Stadt spüre das Unternehmen, dass es als Musik­agentur und –label mit ­Fokus Popmusik sowohl vom RFV als auch von der Abteilung Kultur des Präsidialdepartements gehört und ernstgenommen werde. «Das schätzen wir sehr.»

Das Label von Frederyk Rotter, Czar of Crickets Produc­tions, wurde 2020 vom Business-Support mit 3'500 Franken bedacht. Investiert wurden diese namentlich in einen Onlineshop («um bessere Verkäufe zu erzielen») und in die Erneuerung der Infrastruktur. Der ­Beitrag sei essenziell und zugleich nicht wirklich ausreichend, so Rotter. «Jeder Beitrag hilft, ist aber auch rasch aufgebraucht.»

Crowdfunding wäre zu aufwendig

Haupteinnahmequelle von Czar of Crickets sei die Promotion für Künstler. «Doch dadurch, dass weniger Platten veröffentlicht werden, haben wir ein deutlich schlechteres Einkommen. Wir halten uns knapp über Wasser.»

Erfährt Czar of Crickets in der momentanen Situation eigentlich auch vermehrte Unterstützung von Publikumsseite? «Wir und einige unserer Künstler verbuchten in der Corona-­Krise vermehrte Bestellungen physischer Produkte», betont Rotter. «Zudem gab es auch ­einige wenige private Spender.» Auch eine Crowdfundingkampagne habe man in Erwägung gezogen. «Allerdings ist eine solche für uns zurzeit zu aufwendig.»

Fehlende Einnahmen und SUISA-Tantiemen

Etwas positiver klingt es bei Raymond Tschui von N-Gage Productions: «Da wir einen sogenannten 360-Grad-Service mit Label, Verlag, Management, Promotion und Booking bieten, sind wir breit aufgestellt und ­haben die Folgen von Corona bis dato einigermassen gut ver­kraftet.» Akut betroffen sei – aufgrund der zahlreichen Konzertabsagen und -verschie­bungen – insbesondere der Bereich Booking. «Da fehlen uns die Einnahmen und die damit verbundenen SUISA-­Tantiemen.»

Obschon Tschui sein Unternehmen aktuell nicht für gefährdet hält, ist der Geschäftsführer und Gründer dankbar für jegliche Unterstützung. Nicht zuletzt auch für die Business-Support-Gelder in der Höhe von 3'500 Franken, die er zur Aufrechterhaltung des Betriebes und der wiederkehrenden Infrastrukturkosten eingesetzt habe.

Jannik Roth von Planisphere, die vom BusinessSupport 2020 insgesamt 7'000 Franken erhalten haben, räumt ein: «Unsere Agentur erlitt aufgrund von Corona beinahe einen Totalschaden im höheren sechsstelligen Bereich. Als junge und disrup­tive Agentur können wir noch nicht auf einen breiten Kundenstamm zurückgreifen.»

Alle versuchen, sich durchzukämpfen

Viele der Aquisitionsleistungen, die teils über Monate oder Jahre mit Partnern geführt worden sind, hätten sich aufgrund der Pandemie verflüchtigt, konstatiert der Managing Director. «Um den Cashflow etwas zu stabilisieren, haben wir einen Kredit aufgenommen», sagt Roth und betitelt die finanzielle Unterstützung durch den RFV als willkommenes Zeichen der Solidarität.

Fakt ist: Bis dato hat keine der regionalen Musik-KMUs das Handtuch geworfen. Gemäss Claudia Jogschies vom RFV versuchen alle, sich weiterhin durchzukämpfen: «Das ist ja auch etwas, dass die Popmusikszene auszeichnet: zäh sein, sich um jeden Preis durchbeissen und einfach machen.»