Amoklauf
Wie werden Schulen sicherer?

Beim Schutz vor Amokläufen gibt es an Baselbieter Schulen Handlungsbedarf. Nun will der Kanton handeln.

Daniel Ballmer
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Amoklaf an Schulen

Amoklaf an Schulen

Schweiz am Sonntag

Morgen seid ihr alle tot» hatten Unbekannte auf einen Spiegel in der Damentoilette gekritzelt. Die Amokdrohung hatte Ende April an der Sekundarschule Neumatt in Aesch für grosse Aufregung gesorgt. Stundenlang markierten Polizisten Präsenz auf dem Schulareal. Und das ist nur das letzte Beispiel: Immer wieder kommt es auch an Schulen in der Region zu Amokankündigungen. Im März wurde ein Schüler in Magden wegen einer Drohung suspendiert. Im Basler Wirtschaftsgymnasium kam es im Sommer 2009 zur Amokdrohung - ohne Folgen. Doch Experten warnen, dass die Schweiz kaum auf ewig von Schulmassakern verschont bleiben wird.
Die Sicherheit an Schulen beschäftigt auch die Aescher CVP-Landrätin Sabrina Mohn. Für die junge Lehrerin ist es wichtig, dass sich Politik und Behörden mit dem Thema auseinandersetzen: «Bisher scheint man das Thema etwas verschlafen zu haben - wohl, weil bei uns bisher nichts passiert ist.» Nun aber seien mit Augenmass nötige Vorkehrungen zu treffen, um solche Vorfälle möglichst zu verhindern. «Es wäre falsch, zu warten, bis etwas passiert.» So zweifelt Mohn daran, dass die Sicherheitseinrichtungen an Baselbieter Schulen auch für Gewaltexzesse ausreichen würden. Bei einem Feueralarm etwa lernten Schüler, geordnet in Gruppen das Gebäude zu verlassen. Mohn: «Das könnte im Falle eines Amoklaufs verheerende Folgen haben.»
Koordinierungsbedarf notwendig
Nun soll alles besser werden. Roland Plattner allerdings hat nicht den Eindruck, «dass wir das Thema bisher verschlafen haben». Für die Schulen im Baselbiet bestehe bereits eine umfassende Instruktion für Notfälle und Krisensituationen im Rahmen des Handbuchs für Schulleitungen, betont der Generalsekretär der Bildungsdirektion. So sei etwa jede Schule verpflichtet, ein Krisenteam zu führen. Übungen in einzelnen Schulen dienten dazu, Abläufe und Verhaltensweisen zu trainieren und zu überprüfen. «Wir haben aber festgestellt, dass sich manche Schulen intensiver mit diesen Vorgaben auseinandersetzen und andere etwas weniger», sagt Plattner. Unabhängig des Vorstosses von CVP-Landrätin Mohn sei hier ein gewisser Koordinierungsbedarf durch den Kanton erkannt worden.
Tatsächlich: So waren die Vorgaben beispielsweise für Sabrina Mohn bisher offensichtlich nicht klar: «In meiner Ausbildung wurden entsprechende Szenarien nicht diskutiert», sagt sie. «Auch kam ich während meiner gut zweijährigen Tätigkeit als Lehrerin noch nicht ernsthaft mit dem Thema in Berührung.» Zwar gebe es an ihrer Schule einen Sicherheitsbeauftragten im Lehrerkollegium, «sein Aufgabenbereich ist aber nicht so ganz klar». Viele Lehrer hätten zum Thema gerne etwas mehr Unterstützung der Bildungsdirektion. «Zumindest sollte Klarheit geschaffen werden, wer wofür zuständig ist», sagt Mohn. «Meine Interpellation scheint einen wunden Punkt getroffen zu haben: Der Kanton hat erkannt, dass nicht alles optimal geregelt ist und dass Handlungsbedarf besteht.»
Die Verantwortung für die organisatorischen Sicherheitsmassnahmen liege weiterhin bei den Schulen, heisst es beim Kanton. «Zweifellos ist es aber sinnvoll, dass wir zusätzliche Hilfeleistungen anbieten müssen», sagt Plattner. Das Bedürfnis der Schulorganisationen nach einheitlichen Einsatzdokumenten, Ausbildungs- und Trainingsmodulen zur Bewältigung besonderer Ereignisse sei erkannt. Denn noch existiert im Baselbiet noch kein übergeordnetes Sicherheits- und Interventionskonzept. Ein solches wird nun unter der Federführung des Amts für Militär und Bevölkerungsschutz erarbeitet. Ebenfalls überprüft würden die technischen Einrichtungen und gegebenenfalls «in zweckmässiger Weise» ergänzt. Bis vor den Osterferien 2011 sollen neue Einsatzdokumente vorliegen und dann in die koordinierte und systematisierte Weiterbildung einfliessen.
Lange Mängelliste
Grossen Handlungsbedarferkennt auch Beat W. Zemp. «Um die Sicherheit an Schulen zu erhöhen, braucht es mehrere Massnahmen», sagt der Präsident des Dachverbands der Schweizer Lehrer (LCH). Dazu gehörten etwa bauliche Massnahmen wie die Möglichkeit, Unterrichtszimmer abzuschliessen, was wichtig sei im Fall von Amokläufen. «Und ganz wichtig ist, dass die erkannten Mängel dann auch wirklich behoben werden», betont Zemp. Und die Mängelliste erscheint lang. Etwa am Gymnasium Liestal: Dieses hat seit kurzem einen Sicherheitsbeauftragten im Lehrerkollegium. «Seine Erkenntnisse sind erschreckend», kommentiert Zemp. Türen klemmen, bei Notausgängen bestehen Engnisse und bei einem Amoklauf könnten Schüler und Lehrer nicht wirklich per Lautsprecher gewarnt werden.
In der Vergangenheit habe man der Sicherheit an Schulen zu wenig Beachtung geschenkt, glaubt Zemp. Das vor wenigen Tagen angekündigte Konzept sollte nun aber zumindest dazu beitragen, die Sicherheit zu erhöhen. Landrätin Mohn will die Entwicklung nun genau weiterverfolgen. «Und sollten die versprochenen Fristen nicht eingehalten werden, würde ich sicher nachstossen», kündigt sie an. Doch auch sie hofft nun in erster Linie auf Besserung. «Man darf die Erwartungen aber auch nicht zu hoch schrauben», gibt Plattner zu bedenken. Irgendwann stosse die Prävention auch an ihre Grenzen. «Absolute Sicherheit kann es einfach nicht geben.»