Wirtschaftsprozess
Wegen abgezweigter Gelder: Birsfelder Treuhänder vor Gericht

Ab heute Montag muss sich der ehemalige Kirchgemeindepräsident von Birsfelden wegen Veruntreuung vor dem Baselbieter Strafgericht verantworten. Die Deliktsumme wird auf knapp fünf Millionen Franken geschätzt.

Patrick Rudin
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Das Muttenzer Strafjustizzentrum: Hier entscheidet das Strafgericht über das Urteil.

Das Muttenzer Strafjustizzentrum: Hier entscheidet das Strafgericht über das Urteil.

Kenneth Nars

Der Fall war tief: Einst war er Vizedirektor in einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft mit einem Jahresgehalt von 140 000 Franken sowie Präsident der Römisch-katholischen Kirchgemeinde Birsfelden, doch diese Zeiten sind längst vorbei: Ab heute muss sich der 47-jährige Mann wegen Veruntreuung und Urkundenfälschung vor dem Strafgericht in Muttenz verantworten. Bei einem Schuldspruch droht ihm eine mehrjährige Freiheitsstrafe.

Der Mann hatte sich im Jahr 1999 selbstständig gemacht, doch die Treuhandfirma lief offenbar nicht sonderlich gut. Die Staatsanwaltschaft geht von einem luxuriösen Lebenswandel mit teuren Reisen und Nachtclub-Besuchen aus, bereits ab 1998 habe der Mann bei der römisch-katholischen Kirchgemeinde unberechtigt Geld abgezweigt.

Abgesehen von einer Weinsammlung im Wert von 30 000 Franken sowie dem fremdfinanzierten Eigenheim seien bei ihm nie Vermögenswerte vorhanden gewesen.

Das Vorgehen war simpel: Der Mann verfügte über Einzelzeichnungsberechtigungen für die Konten, als Ressortchef Finanzen im Kirchgemeinderat war er nicht nur für die Buchhaltung und die Jahresabschlüsse, sondern auch für den gesamten Zahlungsverkehr zuständig. Die Revisoren kontrollieren zwar üblicherweise den Kontostand, doch gefälschte Bankbelege sorgten dafür, dass die Zahlen mit denen in der Jahresrechnung übereinstimmten. So belegte ein Auszug etwa den Kontostand von minus 521 000 Franken, tatsächlich aber war das Konto mit fast 1,2 Millionen Franken im Minus.

Nebst der Birsfelder Kirchgemeinde ist auch der Verein Anlaufstelle Baselland betroffen, der Kulturraum Roxy in Birsfelden, zwei Firmen in Zug, die Erben einer verstorbenen Frau sowie eine vermögende, bevormundete Frau in Birsfelden. Auch beim Hauseigentümerverband Basel-Stadt fehlt Geld, ebenso bei mehreren Stockwerkeigentümergemeinschaften in Lausen und Reinach.

Kaum zu durchschauen

Wie gross die Deliktsumme ist, lässt sich nicht so einfach sagen. Offenbar hat der Mann mit den abgezweigten Geldern je nach Dringlichkeit die Löcher bei anderen Gläubigern gestopft, sodass manche Geschädigte einen Teil der Gelder wieder «zurück» erhielten. In ähnlich gelagerten Fällen war deshalb auch die zivilrechtliche Aufarbeitung jeweils ein Albtraum: Es ist kaum zu durchschauen, wer nun unter dem Strich wem wie viel schuldet. Strafrechtlich ist allerdings auch das kurzfristige «Ausborgen» von Geld strafbar, wenn man nicht jederzeit ersatzfähig ist. Rechnet man die von der Staatsanwaltschaft aufgelisteten Fälle zusammen, kommt man auf einen Betrag von rund 4,9 Millionen Franken.

Angeklagt ist eine sogenannte qualifizierte Veruntreuung, die bei Behördenmitgliedern oder berufsmässigen Vermögensverwaltern einen höheren Strafrahmen von bis zu zehn Jahren Freiheitsstrafe vorsieht. Durch die mehrfache Begehung erweitert sich der Strafrahmen gar auf maximal 15 Jahre.

Fünferkammer behandelt den Fall

Die Staatsanwaltschaft wird ihren Strafantrag erst im Verlauf dieses Prozesses bekannt geben, doch die grobe Richtung ist klar: Der Fall wurde an eine Fünferkammer überwiesen, die bei einem Schuldspruch im Gegensatz zu einem Dreiergericht auch Freiheitsstrafen von mehr als fünf Jahren verhängen kann.

Die Verhandlung diese Woche dauert fünf Tage, danach beraten die Richter eine Woche lang den Fall. Die Urteilseröffnung ist schliesslich für den 18. November vorgesehen.

Vor zwei Jahren hatte das Baselbieter Strafgericht einen vergleichbaren Fall eines Vermögensverwalters zu beurteilen, der rund sechs Millionen Franken abgezweigt hatte. Es verurteilte den Mann damals zu einer Freiheitsstrafe von knapp unter fünf Jahren.

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