Walder-Preis
Vögel und Spinnen erwärmen sein Herz

Thomas Mesmer aus Zunzgen lebt für und in der Natur. Trotzdem ist es mehr Zufall, dass er mit dem Walder-Preis ausgezeichnet wird.

Andreas Hirsbrunner
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Hier ist sein Refugium: Thomas Mesmer inmitten von Hecken, Wiesen und Steinhaufen oberhalb von Oltingen.

Hier ist sein Refugium: Thomas Mesmer inmitten von Hecken, Wiesen und Steinhaufen oberhalb von Oltingen.

Kenneth Nars

Sein Paradies liegt nicht in der Südsee oder der Karibik, sondern oberhalb von Oltingen. Dort kann Thomas Mesmer auf einem grösseren Grundstück einer Freundin seit bald drei Jahren ausleben, was ihm seit Kindsbeinen Herzensangelegenheit ist – die Natur und deren Schutz mit all ihren Facetten. So hat der 62-Jährige zusammen mit der Landeigentümerin die über 100 Meter lange, «verluderte» Hecke durchforstet und auf Vordermann gebracht, eine zweite Hecke und einen Obstgarten gepflanzt, Sitzstangen für Greifvögel aufgestellt, einen kleinen Gemüsegarten, eine Baumschule mit allerlei Raritäten wie Els- und Mehlbeeren sowie Stein- und Asthaufen angelegt.

Und die Rückmeldungen der Natur, dass er mit seinen Aktivitäten richtig liegt, liessen nicht lange auf sich warten. «Kürzlich habe ich eine mit Eiern beladene Tigerspinne gesehen, das hat mich sehr gefreut. Und dass ein Neuntöter-Pärchen regelmässig in der Hecke brütet, ist für mich wie eine Belohnung.» Überhaupt ist dieser Vogel für ihn Vorzeigebeispiel für die Wunder der Natur: «Ich staune über seine Energie und seine Entschlossenheit bei der Futtersuche auch bei schlechtem Wetter.

Und ich bewundere ihn für seine Reise ins Winterquartier in Ostafrika. Es ist doch wahnsinnig, was der Neuntöter hinter sich hat, wenn er im Frühling wieder da vor mir sitzt.» Obwohl er keinerlei Fernweh verspüre, würde er den Vogel schon gerne einmal im Winterquartier sehen, fügt Mesmer an.

Zugvögel profitieren von Preis

Seit dieser Woche könnte er sich die Reise nach Ostafrika locker leisten. Denn Mesmer wurde mit dem Walder-Preis, dem mit 50 000 Franken höchstdotierten Naturschutzpreis in der Nordwestschweiz, ausgezeichnet. Und das ist für ihn, der bewusst in bescheidenen Verhältnissen lebt, sehr viel Geld. Doch Mesmer winkt ab. Er wolle das Geld lieber zugunsten der Vögel, seiner grossen Leidenschaft, einsetzen. Und nach mehrmaligem Nachbohren präzisiert er mit seinem typischen, immer wieder aufflackernden, verschmitzten Lächeln: «Ich setze die Preissumme für die Zugvögel ein.» Mehr will er im Moment dazu nicht sagen.

Dass er den Walder-Preis erhielt, kam für Mesmer so unvorhersehbar, «wie das Wetter auf einen zukommt». Deshalb glaubte er zuerst an einen Witz, dann an eine Verwechslung, als ihm die Geschäftsführerin der Hermann und Elisabeth Walder-Bachmann Stiftung, Lisa Eggenschwiler, an einem schönen Maimorgen den Bescheid telefonisch mitteilte.

In der Tat ist der Stiftungsratsbeschluss überraschend, denn Mesmer wirkte zwar stetig, aber stets im Stillen zugunsten der Natur. So setzte sich der gelernte Forstwart, der das «zu theoretische» Biologiestudium nach drei Semestern zugunsten der praktischen Arbeit draussen im Wald abbrach, schon vor drei Jahrzehnten dafür ein, dass dürre Bäume stehen bleiben, weil das Totholz einer ganzen Armada von Lebewesen vom Bockkäfer bis zum Specht Lebensraum bietet. Damals war das eine exotische Forderung, heute ist es übliche Praxis.

Mesmer schaute aber bei Waldeingriffen auch stets darauf, dass sie möglichst sanft, das heisst, ohne Schäden anzurichten, erfolgten. Dabei setzte er auf viel Handarbeit, so etwa auf das Zappi, ein Werkzeug aus einem längeren Holzstiel mit gekrümmter Stahlspitze fürs Holzrücken und den Hand-Seilzug. Diese naturschonende, aber zeitaufwendige Arbeitsweise hatte für ihn seinen Preis. Denn Mesmer, der 22 Winter lang im Akkord für verschiedene Forstreviere im Oberbaselbiet Holzschläge ausführte, konnte dadurch weniger Holz aufbereiten und verdiente etwas weniger. Aber Geld spielte für ihn eben nie eine Rolle, solange es zum Leben reichte.

Schutzengel nicht herausfordern

Mit 50 Jahren zog Mesmer dann einen Schlussstrich unter sein Nomadenleben, im Winter Holz zu schlagen und im Sommer Rinder auf den Alpen zu betreuen: «Irgendwann beginnt die strenge Arbeit im Wald an den körperlichen Reserven zu zehren und ich wollte auch meinen guten Schutzengel nicht überbeanspruchen. Und das Hirtenleben habe ich nach 23 Alpsommern ausgelebt.»

Für Mesmer, der in Muttenz aufgewachsen ist und seit langem in Zunzgen wohnt, begann somit eine neue Ära: Er arbeitet für Landwirte und Privatpersonen. Gleich geblieben ist aber sein Sensorium für die Natur, und er plädiert meist mit Erfolg dafür, hier an einer Hausfassade ein paar Mehlschwalbennester aufzuhängen oder dort in einem Garten einen Asthaufen liegen oder einen markanten Baum stehen zu lassen.

Doch wie ist die Walder-Bachmann Stiftung überhaupt auf diesen Naturschützer aufmerksam geworden? Die Stiftung schreibe den Preis periodisch aus und eine Person, in deren Privatwald Mesmer gearbeitet habe, habe ihn vorgeschlagen, sagt Eggenschwiler. Die eingeholten Referenzen überzeugten danach den Stiftungsrat von Mesmers Wirken.

Jene Person, die den Vorschlag machte, war aber nicht Nationalrätin Maya Graf, auf deren Hof in Sissach Mesmer ebenfalls mithilft und im Winter holzt. Sie schildert den Preisträger so: «Er ist ein sehr angenehmer, liebenswürdiger und geduldiger Mensch, den man entdecken muss, denn er gibt nicht einfach so alles preis.» Mesmer arbeite behutsam, beharrlich und exakt und habe sich ein enormes Wissen über die Vögel angeeignet. Er rede wenig über Naturschutz, aber überall, wo er könne, lasse er ihn einfliessen und lebe ihn. Auch sei sehr beeindruckend, wie er ohne Besitz so zufrieden leben könne. Und Graf freut sich: «Ich finde es toll, dass er den Preis erhalten hat.»

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