Strafgericht Baselland
«Ich kam mir vor wie ein Hundespielzeug»: Opfer von Schäferhund-Attacke in Tenniken sagt am Prozess aus

Im Juni 2019 griff ein Schäferhund in Tenniken ein damals dreijähriges Mädchen an. Ihre Tante ging dazwischen – und trug schwere Verletzungen davon. Die Hundehalterin muss sich jetzt vor Gericht verantworten.

Kelly Spielmann
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«Plötzlich rannte der Hund auf sie zu»: Der Auslöser für den Angriff ist bis heute unklar (Symbolbild).

«Plötzlich rannte der Hund auf sie zu»: Der Auslöser für den Angriff ist bis heute unklar (Symbolbild).

Donato Caspari

18 Tage lag eine heute 39-jährige Baselbieterin nach der Bissattacke einer Schäferhündin, die sich im Juni 2019 in Tenniken ereignete, im Spital. Ihre damals dreijährige Nichte musste drei Tage im Spital verbringen. Am Dienstag musste sich die Hundehalterin, eine ehemalige Freundin des Opfers, vor dem Strafgericht in Muttenz verantworten. Dies wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung, fahrlässiger einfacher Körperverletzung, Widerhandlung gegen das Tierschutzgesetz sowie Widerhandlung gegen das kantonale Hundegesetz.

Gleich zu Beginn der Befragung zum Vorfall stellte die Frau klar, dass sie keine Aussagen machen würde. «Das habe ich bereits gemacht», meinte sie auf Nachfrage des Strafgerichtspräsidenten Robert Karrer, die Arme vor der Brust verschränkt.

Das Opfer hingegen erzählte im Detail vom verhängnisvollen Tag. Von der Hundehalterin sei sie einige Tage zuvor angefragt worden, ob sie die Hündin und ihre französische Bulldogge in den Garten lassen könne, damit diese ihr Geschäft verrichten können. Die Schäferhündin war im Wohnzimmer der Halterin in einer Hunde-Transportbox eingesperrt, während diese mit ihrer Tochter ein Turnfest besuchte. Mit ihrer Nichte und ihrem eigenen Mops-Mischling fuhr die 39-Jährige nach Tenniken, um die Hunde in den Garten zu lassen.

Doch dort sei die Hündin plötzlich auf das Kind zugerannt. Die Schäferhündin biss das Kind am Gesäss und zerrte es am Bein auf den Rasen. Ihre Versuche, zu intervenieren – die Frau warf einen Schuh, um den Hund abzulenken, und versuchte, das Tier vom Kind wegzuziehen – halfen nicht. Die Baselbieterin warf sich schliesslich schützend auf ihre Nichte: «Mein linker Arm war auf ihrem Kopf und mit dem rechten Arm versuchte ich, mich selber zu schützen.» Doch die Hündin habe sich in ihrem Arm und später in ihrem Bein verbissen. «Ich kam mir vor wie ein Hundespielzeug», sagte das Opfer vor Gericht, «ich hatte das Gefühl, sie wollte mich wegreissen, um zum Kind zu kommen.»

Nachbarn konnten die Hündin nach den Hilferufen schliesslich von der Frau abbringen. Sie musste für eine Notoperation in ein Spital gebracht werden. Wie ihr Anwalt vor Gericht sagt, hätte es für seine Mandantin auch tödlich enden können, hätten die Nachbarn nicht interveniert. Und auch sie selber sagte unter Tränen: «Ich wäre dort gestorben, bevor meiner Nichte etwas Schlimmes hätte passieren können.»

Die Schäferhündin hatte bereits einen Hund gebissen

Die Staatsanwaltschaft ist sich sicher: Die Halterin habe gewusst, dass es sich bei ihrer Hündin, die aus einer Zuchtlinie für Sporthunde stammte, um ein unsicheres, nervlich schwaches Tier handle. Habe es Besuch gegeben, habe die Halterin den Hund stets in der Hundebox eingesperrt – sie selber sei also auch unsicher gewesen, wie sie reagieren könnte. Dass ein «Gebrauchshund», wie die Gutachter sagen, nicht in die Hände von Personen gehört, die mit solchen Hunden keine Erfahrung haben, hätte sie ebenfalls wissen müssen. Sie habe ausserdem gewusst, dass ihre Freundin keine starke Bindung zum Hund gehabt habe.

Weiter handelt es sich nicht um die erste Beissattacke der Hündin: Vor rund sieben Jahren wurde der Parson Russel Terrier einer Nachbarin «vom Schäferhund vom Hals bis zum Bein aufgeschlitzt», wie die Zeugin vor Gericht aussagte. Eine Woche lang war der Hund im Tierspital.

Hätte sie davon gewusst, so das Opfer, wäre sie an diesem Tag nicht nach Tenniken gefahren, um die Hündin in den Garten zu lassen. Und schon gar nicht hätte sie ihre Nichte mitgebracht. Die Folgen des Vorfalls spüre sie bis heute: Fast täglich muss sie vor dem Schlafen Schmerzmittel nehmen, noch immer ist sie zu 20 Prozent arbeitsunfähig. Auch psychisch sei die Belastung gross. Mit ihrem eigenen Hund gehe sie nur noch auf kurze Spaziergänge und im Sommer traue sie sich wegen der Narben kaum, kurze Kleidung zu tragen.

Die Staatsanwaltschaft fordert eine bedingte Freiheitsstrafe von zehn Monaten, die Verteidigung hingegen einen Freispruch: Seine Mandantin habe nicht gewusst, dass die Frau ihre Nichte und ihren Hund mitbringen würde, so der Verteidiger. Auch sei der Auslöser der Attacke bis heute nicht bekannt – die Halterin sei für den Vorfall aber nicht verantwortlich. Die Urteilseröffnung findet am Donnerstag statt.

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