Strafgericht Baselland
Die neuen Eltern enttäuscht, aber nicht getäuscht: Ecuadorianerin wird im Adoptionsfall freigesprochen

Das Baselbieter Strafgericht sieht in umstrittener Adoptionsfreigabe von zwei Teenagern aus Ecuador keine bewusste Täuschung der leiblichen Mutter.

Patrick Rudin
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Kulturschock: Wer Kinder aus Ecuador zu sich in einen «sehr christlichen Haushalt» aufnimmt, muss mit Problemen rechnen, findet das Baselbieter Strafgericht.

Kulturschock: Wer Kinder aus Ecuador zu sich in einen «sehr christlichen Haushalt» aufnimmt, muss mit Problemen rechnen, findet das Baselbieter Strafgericht.

Symbolbild: Peter Klaunzer / KEYSTONE

«Eine absichtliche Täuschung ist nicht belegt», sagte Gerichtspräsidentin Irène Laeuchli am Mittwochabend bei der Urteilsverkündung gleich mehrmals. Bei den Privatklägern sorgte dieser Richterspruch für lange Gesichter, bei der 56-jährigen Ecuadorianerin hingegen für Erleichterung: Das Dreiergericht sprach sie vom Vorwurf des mehrfachen Betrugs im Zusammenhang mit der Adoption ihrer Kinder frei.

Ein Paar aus Münchenstein hatte die Frau in Ecuador kennen gelernt und später deren Kinder adoptiert. Dabei hätten sie von Anfang an gewusst, dass es der Frau finanziell schlecht ging. Über ihren eigenen Gesundheitszustand oder den ihres Sohnes habe sie das Paar aber nicht absichtlich getäuscht: So habe sie die Unterlagen über eine Zyste im Gehirn ihres Sohnes in die Schweiz geschickt, und das Paar habe die Dokumente von einem Schweizer Arzt begutachten lassen. Laut dessen Aussage hätte diese Zyste auch in Ecuador behandelt werden können.

Das Fazit des Gerichts: Man könne der Frau nicht nachweisen, dass sie planmässig ihre Gesundheit falsch darstellte, um ein Aufenthaltsrecht für sich und ihre Kinder in Europa zu erschwindeln. Möglicherweise habe die Frau ein geradezu neurotisches Verhältnis zu ihrer eigenen Gesundheit. Indes sei ihr Vater an Magenkrebs verstorben, ihre Schwester im Alter von 35 an Leukämie. Vermutlich stufe sie deshalb ihre chronische Magen-Darm-Erkrankung mit starken Schmerzen als schwerwiegend ein und mache sich deshalb viele Sorgen. Mit einer strafrechtlich relevanten Täuschung habe das aber nichts zu tun.

Sämtliche Zivilforderungen abgewiesen

Auch den späteren Bruch zwischen den Familien ordnete das Gericht eher als Alltagsrisiko ein: Wenn zwei Teenager im Alter von 14 und 17 Jahren von Ecuador in die Schweiz in einen «sehr christlichen Haushalt» kommen, dann seien Konflikte quasi programmiert.

Die Frau sass im Jahr 2014 wegen der Vorwürfe einen Tag lang in Untersuchungshaft, dafür erhält sie nun eine Haftentschädigung von 200 Franken plus Verzugszinsen. Die Staatsanwaltschaft wollte das Verfahren ursprünglich einstellen, das Münchensteiner Paar erhob dagegen Beschwerde, schliesslich zwang das Baselbieter Kantonsgericht die Staatsanwaltschaft zu einer Anklage. Für Verzögerungen sorgte später auch ein Rechtshilfeersuchen an Ecuador, die brachte allerdings keine neuen Erkenntnisse.

Mit dem Freispruch wies das Strafgericht gestern auch sämtliche Zivilforderungen des Paars über 50'000 Franken ab. Ebenso bleiben die Privatkläger auf ihren eigenen Anwaltskosten sitzen. Das Urteil können sie zwar noch weiterziehen, tragen dabei aber das volle Kostenrisiko eines Zivilprozesses.

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