«Eidgenössisches 2022»
Schwingfest: Aeschs Gemeindepräsidentin ist von den Bauern enttäuscht

Morgen Mittwoch stellt der Basellandschaftliche Kantonalschwingerverband die Machbarkeitsstudie für das Eidgenössische Schwingfest 2022 vor. Gemeindepräsidentin Marianne Hollinger hätte das Fest gerne in Aesch. Von den Bauern, die kategorisch Nein gesagt haben, ist sie enttäuscht.

Hans-Martin Jermann
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«Wir müssen in der Schweiz wieder Grosses wagen»: Marianne Hollinger vor den Feldern in Aesch-Nord, wo das Schwingfest 2022 stattfinden könnte.

«Wir müssen in der Schweiz wieder Grosses wagen»: Marianne Hollinger vor den Feldern in Aesch-Nord, wo das Schwingfest 2022 stattfinden könnte.

Kenneth Nars

Frau Hollinger, Sie befürworten die Durchführung des Eidgenössischen Schwingfests 2022 in Aesch. Weshalb exponieren Sie sich in dieser Frage?

Marianne Hollinger: Ganz generell finde ich, wir müssen in der Schweiz wieder vermehrt Grosses wagen. Derzeit dominieren in vielen Debatten die skeptischen Stimmen, die sofort vor Schwierigkeiten, Kosten etc. warnen. Ich möchte, dass wir bereit sind, aussergewöhnliches auf die Beine zu stellen, dass wir uns etwas zutrauen. Die Diskussionen ums Schwingfest liefern uns einen Steilpass: Wir können zeigen, dass wir Herausforderungen annehmen und nicht gleich aufgeben, wenn erste Hürden im Weg stehen.

Inwiefern können denn Aesch und die Region vom Schwingfest profitieren?

Die Wertschöpfung des Schwingfests ist gross. Die vielen tausend Festbesucher müssen verpflegt und zu einem grossen Teil in der Region untergebracht werden. Beim Auf- und Abbau des Festes wird es Aufträge für regionale KMU geben.

Das sind zeitlich beschränkte Effekte. Wegen des Schwingfests wird Aesch kaum zur Tourismusdestination.

Gleichwohl bin ich überzeugt, dass langfristig ein positiver Effekt resultiert: Dass der Name Aesch in der ganzen Schweiz mit positiven Erlebnissen verbunden wird. Noch heute hört man zum Beispiel in Aarau oft, wie erfolgreich und schön das Schwingfest 2007 gewesen sei. Ich bin überzeugt, dass von diesem positiven Image eine Gemeinde, ja eine ganze Region profitieren kann.

Die betroffenen Bauern haben sich bereits gegen das Fest ausgesprochen. Was denken Sie darüber?

Ich bin etwas enttäuscht, dass die Bauern kategorisch Nein gesagt haben, bevor die Machbarkeitsstudie auf dem Tisch liegt. Ich erwarte hier eine gewisse Offenheit. Schliesslich ist das Eidgenössische Schwingfest kein verrücktes Experiment, sondern eine seit Jahrzehnten erprobte Grossveranstaltung, die an verschiedenen Orten erfolgreich war. Wir hegen und pflegen in der Schweiz unsere Landwirtschaft sehr. Das Schwingfest wäre eine Möglichkeit für die Bauern, der Gesellschaft auch etwas zurückzugeben.

Die Bauern und andere Kritiker monieren, sie seien zu spät über das Vorhaben informiert worden.

Das finde ich überhaupt nicht. Man musste sich doch beim Kantonalen Schwingerverband zuerst Gedanken über einen möglichen Standort des Schwingfests machen. Mittlerweile haben ja Treffen zwischen Verband und Bauern stattgefunden. Es wird so getan, als seien wir im Prozess bereits weit fortgeschritten, dabei dauert es bis zum Fest noch lange sechs Jahre.

Trotzdem: Die Situation ist verkachelt. Wie kann es noch gelingen, die Bauern, Naturschützer ins Boot zu holen?

Es braucht von beiden Seiten Gesprächsbereitschaft, eine Offenheit. Ich fände es wichtig, dass alle Beteiligten mit der Haltung in die Gespräche gehen: «Wir sind Ermöglicher, keine Verhinderer.» Ich erwarte von den Bauern, dass sie ihre Bedingungen formulieren, die aus ihrer Sicht erfüllt werden müssen. Das ist hilfreicher, als einfach Nein zu sagen. Umgekehrt ist es wichtig, die Sorgen und Nöte der Bauern zu verstehen und zu thematisieren: Sie sind sehr unmittelbar von einem Schwingfest betroffen. Das kann Ängste auslösen. Ich vertraue darauf, dass sich auf Basis der Machbarkeitsstudie die Fronten aufweichen und gegenseitig Vertrauen gewonnen werden kann.

Ist das Schwingfest nicht eine Nummer zu gross für Aesch?

Nein, dieser Meinung bin ich nicht. Wir wären ja nicht die ersten, die ein solch grosses Fest durchführen. Klar ist aber auch: In Aesch kann nicht alles in derselben Dimension geplant und aufgebaut werden wie jüngst in Estavayer.

Wird es den Organisatoren gelingen Tausende Freiwillige zu finden, die mithelfen? Im Gegensatz etwa zu Bern oder zur Ostschweiz ist der Schwingsport in der Region Basel in der Bevölkerung kaum verankert.

Stimmt. Das Schwingen ist eine Randsportart in unserer Region. Trotzdem habe ich keine Bedenken, dass wir zuwenige Freiwillige finden. Ich denke nicht, dass man ein grosser Fan des Schwingens sein muss, um bei diesem Riesen-Event mitzuhelfen. Alleine in Aesch gibt es über hundert Vereine. Ich bin überzeugt, dass sich ein grosser Teil gerne am Schwingfest engagieren würde. Von den unzähligen Vereinen in den Nachbargemeinden habe ich noch gar nicht gesprochen.

Zur Durchführung des Schwingfests in Aesch gibt es keinen Entscheid des Gemeinderates. Ist es für Sie nicht heikel, sich derart pointiert zu äussern?

Das, was ich Ihnen sage, entspricht meiner persönlichen Meinung. Es gibt keinen formellen Beschluss des Aescher Gemeinderates, und es muss wohl auch keinen geben. Ob das Schwingfest hier durchgeführt wird, hängt nicht vom Ja oder Nein des Gemeinderates ab. Er hat aber begrüsst, dass eine Machbarkeitsstudie durchgeführt wird.

Geht in der Schwingfest-Frage ein Graben durch den Gemeinderat?

Es ist bekannt, dass es im Gemeinderat Befürworter und Gegner gibt. Von einem Graben würde ich aber nicht sprechen. Wichtig aus Gemeinde-Sicht wird sein, den angelaufenen Prozess weiter zu begleiten. Der Gemeinderat wird aufgrund der Ergebnisse in der Machbarkeitsstudie Bedingungen und Eckpfeiler für eine allfällige Durchführung des Fests definieren.

Wie könnten die Eckpfeiler aussehen?

Die Regelung des Verkehrs ist aus Gemeinde-Sicht zentral. Hier dürfen wir nichts dem Zufall überlassen. Wir wollen so wenig Autoverkehr wie möglich. Ich weiss, dass sich der Schwingerverband überlegt, sehr hohe Preise fürs Parkieren zu verlangen. Im Gegenzug soll der öV im Eintrittsticket fürs Schwingfest inbegriffen sein. Das war in Estavayer nicht so gut gelöst: Die hatten dort im Umfeld des Militärflughafens derart viel Platz, dass sie sich kaum Gedanken zum Verkehr und logistischen Problemen machen mussten. Das wird bei uns anders sein. Hier ist es im Vergleich relativ eng. Das verpflichtet zu kreativen Lösungen. Das ist auch gut so.

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