Rohnerareal Pratteln
Lohndumping-Skandal: Beschuldigte holländische Firma hat Schweizer Niederlassung

Die Baustelle auf dem ehemaligen Rohnerareal wird vom Kanton - vorerst - nicht geschlossen, da die verdächtigte Firma kooperiert. Was die Kontrolleure freut: Anders als zuerst geglaubt greift das Schweizer Recht voll, da eine Niederlassung im Thurgau Vertragspartner ist.

Michael Nittnaus
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Im Fokus der Vorwürfe steht der Rückbau des Turms (links) auf dem alten Rohnerareal in Pratteln, das von der Hiag AG umfangreich neu gestaltet werden soll.

Im Fokus der Vorwürfe steht der Rückbau des Turms (links) auf dem alten Rohnerareal in Pratteln, das von der Hiag AG umfangreich neu gestaltet werden soll.

Juri Junkov / Archiv

Es ist der grösste Lohndumping-Fall, dem die Baselbieter Arbeitsmarktkontrolle für das Baugewerbe (AMKB) bisher auf die Schliche gekommen ist: Über 130 Arbeiter aus Polen, Litauen und Lettland mussten offenbar bis zu 57 Stunden pro Woche schuften – und dies teils für zehn bis zwölf Euro pro Stunde. Beim Rückbau des Turms auf dem alten Rohnerareal in Pratteln sollen osteuropäische Subunternehmen im Auftrag der niederländischen Firma Gerritsen damit massiv gegen das Schweizer Arbeitsgesetz verstossen haben. Die AMKB beantragte vergangene Woche beim Baselbieter Amt für Industrie, Gewerbe und Arbeit (Kiga) die umgehende Schliessung der Baustelle.

Nun teilen die Volkswirtschafts- und Gesundheitsdirektion (VGD) und die AMKB mit, dass die Baustelle «zum aktuellen Zeitpunkt» nicht geschlossen wird. Dies, weil Gerritsen fristgerecht «zusätzliche Informationen nachgereicht und volle Transparenz zugesichert hat». Für eine Schliessung brauche es eine «Verweigerungshaltung» des beschuldigten Unternehmens. «Gerritsen ist an einer Aufarbeitung sehr interessiert, lieferte Arbeitspläne nach und stellte auch Lohnlisten in Aussicht», sagt VGD-Sprecher Rolf Wirz.

Holländische Firma hat Niederlassung im Thurgau

Damit sind die Vorwürfe allerdings nicht aus der Welt geschafft, wie der Kanton in der Mitteilung selbst festhält. Vielmehr gebe es nun «umfangreiche Zusatzabklärungen». Und: «Wo sich die Verstösse erhärten, gelangt das GAV-rechtliche und gesetzliche Sanktionsinstrumentarium zur Anwendung.»

Michael von Felten, Vorstandsdelegierter der AMKB, betont gegenüber der bz:

«Die neuen Unterlagen haben nichts an unseren Erkenntnissen zu den Verstössen der Vergangenheit geändert.»

Mögliche Sanktionen seien die Verpflichtung zu Nachzahlungen oder Bussen. Gegen die osteuropäischen Subunternehmen könnte das Kiga auch Dienstleistungssperren erlassen. Dann dürften sie vorerst keine weiteren Aufträge in der Schweiz ausführen.

Gegen Gerritsen ist das nicht möglich, denn mittlerweile steht fest: Die Demontage des Rohner-Turms läuft nicht über den niederländischen Hauptsitz von Gerritsen. Vertragspartner ist die Niederlassung im Thurgau. Auf eine schwarze Liste können aber nur ausländische Entsendefirmen kommen. Doch dass nun gegen eine Schweizer Firma ermittelt wird, hat auch Vorteile. Von Felten: «Dadurch ist die Firma nach Schweizer Recht belangbar, was vieles vereinfacht.»

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