Sissach
Rauscher & Stoecklin: Vom KMU zur internationalen Gruppe

Die neuen Eigentümer ermöglichen Rauscher & Stoecklin weltweite Geschäftsbeziehungen. Im Jahr 2022 ist die Firma gar für ein Grossanlass mitverantwortlich.

Daniel Haller
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Rauscher & Stöcklin AG in Sissach ist der letzte Schweizer Hersteller von Verteilertransformatoren für die letzte Stufe in den lokalen Stromnetzen.

Rauscher & Stöcklin AG in Sissach ist der letzte Schweizer Hersteller von Verteilertransformatoren für die letzte Stufe in den lokalen Stromnetzen.

Nicole Nars-Zimmer niz

Über den Erfolg des Fussball-WM-Finals 2022 im Lusail-Station in Qatar wird nicht zuletzt in Sissach entschieden: Die Transformatoren für den Strom im Stadion liefert nämlich die weltweit tätige R&S Group. Deren Hauptsitz ist bei Rauscher & Stoecklin AG beim Bahnhof. Und ohne Strom laufen in einem Stadion weder die Klima- und Lautsprecheranlagen noch die Beleuchtung oder die Fernsehübertragung.

Gegründet wurde die Firma 1919 von Hermann Rauscher und Achilles Stoecklin. Ihre Spezialität sind Verteiltransformatoren, welche in den Quartieren den Strom auf die 400 respektive 230 Volt heruntertransformieren, die dann in den Haushalten und Gewerbebetrieben ankommen. R&S ist das letzte Schweizer Unternehmen, das solche Trafos baut, und es produziert sie vorwiegend für den Schweizer Markt. «Da in der Schweiz sehr viele Elektrizitätswerke tätig sind und der Markt heterogen ist, gibt es keine nationale Norm», erklärt CEO Marc Aeschlimann. «Insofern bauen wir die Trafos jeweils den kundenspezifischen Anforderungen entsprechend.»

Hinzu kommen Fahrleitungsschalter für Vollbahnen wie die SBB, Hochstrom-Steckverbindungen für den internationalen Markt, Schweiz-spezifische Hausanschluss-Systeme und als separate Abteilung der Bau von Schaltanlagen.

Rasches Wachstum

Wie überlebt man als KMU in einem Markt, der von Konzernen wie Siemens, General Electric oder ABB dominiert wird? «Die grossen übernehmen Aufträge für mehrere hundert Anlagen, haben aber dadurch oft lange Lieferfristen und sind träger», berichtet Aeschlimann. Sei die Trafo-Abteilung eines Konzerns durch einen Grossauftrag ausgelastet, kämen oft dessen andere Kunden für kurzfristige Aufträge zu den flexibleren KMU. Des Weiteren ist die Nähe zum Kunden entscheidend.

Solche Nischen-Vorteile nutzen will die Beteiligungsgesellschaft CGS Management AG in Pfäffikon: Sie übernahm Rauscher & Stoecklin 2012, da die Eigentümerfamilien nicht mehr operativ aktiv sein wollten und gründete die R&S International Holding AG. Diese kaufte 2014 einen tschechischen Produzenten von Mittel- und Hochspannungs-Schaltern, 2015 einen polnischen Hersteller von Leistungstransformatoren und schliesslich im 2016 je einen Giessharz-Transformatorenproduzenten in Polen und einen in Italien, der auch Werke in Argentinien und den Arabischen Emiraten betreibt.

«So sind wir seit 2012 von einer Firma mit 90 Mitarbeitenden in Sissach und einem Umsatz von 30 Millionen Franken zu einer Gruppe mit weltweit 650 Mitarbeitenden und 130 Millionen Franken Umsatz gewachsen», berichtet Aeschlimann.

Neue Märkte öffnen

Dabei bleibe jedes Unternehmen innerhalb der Gruppe selbstständig, denn jedes ist in einer anderen Nische als Spezialist verankert. «Beim Zusammenstellen der Gruppe haben wir darauf geachtet, dass das Produktportfolio möglichst breit wurde», erklärt Aeschlimann, der als CEO der R&S Holding nach Sissach kam und mittlerweile auch Rauscher & Stoecklin leitet.

Eine Stärke dieser Konstruktion ist: Jedes Unternehmen ist in seinen Märkten etabliert und dient dort den anderen Firmen der Gruppe als Türöffner. So kann beispielsweise die Rauscher & Stöcklin AG, die vor der Bildung der Gruppe kaum noch Möglichkeiten zur Expansion hatte, nun internationale Vertriebskanäle nutzen: Die Firmen der R&S-Gruppe pflegen Geschäftsbeziehungen mit ganz Europa, Nord- und Südamerika, Asien, Australien, dem Nahen Osten sowie in einigen Ländern Afrikas.

Eine Verlagerung von Produktionsschritten aus Sissach in andere Unternehmen der Gruppe sei aber nicht geplant. Dafür seien die technischen Kompetenzen zu unterschiedlich.

Zukäufe abgeschlossen

Weitere Zukäufe seien vorläufig nicht geplant, erklärt Aeschlimann. Zuerst müsse man nun die Vertriebs-Synergien erschliessen und die Fertigungs- und Entwicklungs-Standards innerhalb der Gruppe vereinheitlichen, um die Vorteile als grenzüberschreitende KMU-Gruppe in die Praxis umzusetzen und «R&S» als Marke zu etablieren.

Hinzu kommen Herausforderungen, beispielsweise durch weitere Kostenoptimierung der Produkte oder neue technische Normen der EU: So werde bis 2020 gefordert, den Energieverlust innerhalb der Trafos weiter zu senken. Dies erfordere Innovationen, die man in der Gruppe teilen könne. Weiter stelle die Entwicklung hin zur dezentralen Energieversorgung neue Anforderungen an die Stromnetze. Dies biete Chancen, etwa indem Rauscher & Stoecklin Transformatoren entwickelt, welche die Schwankungen im Netz regeln können.

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