Pflegepersonal am Anschlag
Nur Pflästerli für die Coronahelden: "Spitalpersonal wird keine dritte Welle überleben"

Das Universitätsspital Basel und das Kantonsspital Baselland werden 2021 die Löhne erhöhen. Das sei ein Tropfen auf den heissen Stein, kritisiert das Personal. Gefordert wird eine substanzielle Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Doch dafür fehlt bei den Spitälern das Geld.

Hans-Martin Jermann
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Applaus reicht nicht: Pflegende fordern substanzielle Lohnerhöhungen.

Applaus reicht nicht: Pflegende fordern substanzielle Lohnerhöhungen.

Georgios Kefalas

Die Zahl der Hospitalisierungen von Corona-Erkrankten steigt auch in den beiden Basel weiter an. Immer mehr Patienten liegen auf der Intensivstation. Zwar ist die Situation weniger dramatisch als anderswo. Doch die Lage spitzt sich auch hier zu. Erinnerungen an die erste Welle werden wach. Doch etwas ist ganz anders als im Frühling: die Stimmung beim Pflegepersonal. «Ermüdung und Enttäuschung sind gross», sagt Samira Marti, SP-Nationalrätin und Präsidentin des VPOD Region Basel.

Enttäuschung und Ermüdung sind gross beim Pflegepersonal.

(Quelle: Samira Marti, Präsidentin VPOD Region Basel)

Applaus von allen Seiten erhielten die Pflegerinnen und Pfleger für ihren Einsatz während der ersten Welle. Das Kantonsspital Baselland (KSBL) führte im April flächendeckend 12-Stunden-Schichten ein als eines der einzigen Spitäler schweizweit. Viel war damals von der Systemrelevanz der Pflegenden die Rede.

Diese hätten gehofft, dass sich die gesellschaftliche Anerkennung endlich auch in ihren Arbeitsbedingungen niederschlage, sagt Marti. «Die relativ ruhigen Sommermonate wären der richtige Moment zum Handeln gewesen. Leider hat man von den Regierungsräten ausser schönen Worten nichts gehört.»

«Wir brauchen wahre Veränderungen und neue Strategien»

Eine Coronaheldin aus dem Baselbiet ist Intensivpflege-Expertin Irina Hellmann. Sie wurde gemeinsam mit Pflegenden aus anderen Kantonen am 1. August von Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga aufs Rütli eingeladen und für ihren Einsatz geehrt. Die Aescherin, die seit vielen Jahren fürs KSBL am Standort Bruderholz tätig ist, teilt in einem Blog seit März ihre Erlebnisse und Eindrücke während der Krise.

Kürzlich schrieb die 29-Jährige: Nun könne man das Personal nicht mehr mit Pflästerlipolitik besänftigen. «Wir brauchen wahre Veränderungen und neue Strategien.» Ansonsten werde das Gesundheitspersonal keine dritte oder gar vierte Welle überleben.

Ein KSBL-Mitarbeiter bestätigt: Die Stimmung sei angespannt. Langfristig könne das, was sich seit Monaten abspiele, dramatische Folgen haben. Dass etwa viele Pflegefachleute ihrem Beruf den Rücken kehren. Die bz weiss, dass aufgrund der Covid-bedingten Engpässe gewisse Spitäler der Region, darunter das Universitätsspital Basel (USB), den Mitarbeitenden erneut eine Aufstockung der Pensen angeboten hat. Im Gegensatz zum Frühling, wo die Bereitschaft dazu gross war, zögern die Mitarbeitenden jetzt manchenorts.

Am KSBL und USB sind Lohnerhöhungen in Sicht

Das KSBL widerspricht den Darstellungen von Intensivpflegerin Hellmann nicht, betont aber, dass sich diese auf die Pflege schweizweit beziehen: «Das Personal ist nach langen Monaten der Krisenbewältigung verständlicherweise erschöpft», sagt KSBL-Sprecherin Anita Kuoni. Es habe wenig Gelegenheit gegeben, sich von der ersten Welle zu erholen. Zudem liege die Hauptlast auf dem Personal in den sensiblen Bereichen.

Wie anerkennen die Spitäler diese ausserordentlichen Leistungen? Am KSBL sind die Lohnverhandlungen für 2021 noch nicht abgeschlossen; die Resultate werden erst im Dezember vorliegen. In der Pflege soll es Lohnerhöhungen geben, verrät Kuoni. Dies aber nicht nach dem Giesskannenprinzip. «Stattdessen verfolgen wir die Absicht, jenen etwas zu geben, die im Quervergleich unterdurchschnittlich abschneiden.»

Am USB werden die Löhne 2021 in bestimmten Berufsgruppen angehoben, wie kürzlich bekannt gegeben wurde. Profitieren werden die Mitarbeitenden der Intensivstation, der Intermediate Care Unit sowie jene in der verkürzten Pflegefachausbildung. 1,2 Millionen Franken werden dafür eingesetzt. Hinzu kommen 1,4 Millionen für individuelle Erhöhungen.

Lieber nachhaltige Lohnentwicklung als Coronaprämie

«Besser als nichts, aber nicht viel mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein», findet VPOD-Regionalsekretär Joël Lier. Mit beiden Massnahmen würden vor allem jene Löhne angehoben, in denen das USB im Vergleich bisher schlecht dasteht: «Diese Anpassungen dienen also dazu, konkurrenzfähig zu bleiben und genügend Personal zu finden.» Das Resultat der Verhandlungen beim KSBL mag Lier noch nicht kommentieren.

Zur Coronaprämie, welche die Mitarbeitenden des Covid-Spitals Bruderholz im Frühling erhalten haben, sagt er: «Das war ein namhafter Betrag. In anderen Spitälern erhielten die Angestellten nur Schokolade und Blumen.» Wichtiger als eine einmalige Prämie wäre aber eine nachhaltige Lohnentwicklung.

Wegen Corona haben die Spitäler selber kein Geld

Doch dazu fehlt den Spitälern wegen Corona derzeit das Geld: Mehraufwand und Vorhalteleistungen sowie Mindereinnahmen durch entgangene Wahleingriffe reissen Löcher in ihre Kassen. «Natürlich» habe die wirtschaftliche Situation des KSBL Einfluss auf die Lohnentwicklung, räumt KSBL-Sprecherin Kuoni ein. KSBL und USB bezifferten die Corona-Ausfälle im Spätsommer auf je 30 Millionen Franken, gingen damals aber noch von einem normalen weiteren Verlauf des Geschäftsjahres aus. Zwar haben die beiden Basel angekündigt, den belegten Mehraufwand abzugelten – allerdings nur diesen.

Für das Personal sind das keine guten Perspektiven. VPOD-Präsidentin Marti findet daher: «Die Arbeitsbedingungen dürfen nicht alleine Verhandlungssache zwischen Spitälern und Personalverbänden sein. Jetzt braucht es starke Zeichen der Politik.»

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