Geistschreiber
Mitbürgen

Willi Näf
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«Bürger» waren ursprünglich die wehrpflichtigen Bewohner von Burgen, die für den Schutz derer bürgten, die darin lebten (Symbolbild).

«Bürger» waren ursprünglich die wehrpflichtigen Bewohner von Burgen, die für den Schutz derer bürgten, die darin lebten (Symbolbild).

zvg zvg zvg Bild: Severin Bigler

Wenn ich «Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger» vernehme, verspür’ ich einen Kloss im Hals. Oha, denke ich mir dann, uns droht Wichtiges, ein Krieg, eine Pandemie oder gar eine Festansprache, hoffentlich geht’s bald vorbei. Es ist ein schlechtes Zeichen, wenn man ab der dritten Minute einer Rede darüber brütet, wie lange die Notvorräte im Keller reichen. Darum plädiere ich dafür, «liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger» zu kürzen auf «liebe Mitbürgende». Das bringt zwei hübsche Kollateralnutzen mit sich: Bei «Mitbürgende» dürfen sich sämtliche bis dato definierten Geschlechter angesprochen fühlen, und «Mitbürgende» ruft in Erinnerung, worum es geht. Nämlich um das Bürgen. «Bürger» nannte man anno Tubak die wehrpflichtigen Bewohner von Burgen und befestigten Ortschaften, die für den Schutz derer bürgten, die darin lebten.

Zu bürgen und zu schützen gibt es auch heute noch. Über das wie, wann und wen gehen die Meinungen aber auseinander. Manche Bürgende schützen vor allem Wohlstand und Handel und fordern weite Tore. Andere votieren im Gegenteil für Zugbrücken, die man schnell hochziehen kann, wenn draussen bleiben soll, was man nicht drinnen haben will. Garstige Viren, fremdblöckige oder gar dunkelwollige Schafe. Oder Produkte, deren beschämenden Gewinnungs- oder Herstellungsbedingungen man der eigenen Herde nie zumuten würde.

Nebst Mitbürgenden gibt es noch Nichtbürgende. Sie bürgen nur für sich, und oft nicht mal das. Die Teilbürgenden bürgen für nichts ausser für ihren Fussballclub, ihren Verschwörungsglauben, ihren Instagram-Account oder ihr affiges Gehabe – yo bro mathafacka. Dafür bürgen dann die Weltbürgenden gleich für die ganze Menschheit (also für ihre Community plus Kaffeebauern plus Meeresschildkröten, aber ohne Nachbarn). Weltbürgende hören darum auch lieber «Mitmenschen» als «Mitbürger», während sich vielen Mitbürgern beim Wort «Mitmensch» die Nackenhaare sträuben, weil es so furchtbar sozialdemokratisch klingt.

Mein Vorschlag: Wir ersetzen «Mitbürger» durch «Mitbürgende» und «Mitmenschen» durch – nein, keinesfalls durch «Mitmenschliche», auch da würden sich wieder bürgerliche Nackenhaare sträuben – sondern durch Mitmenschelnde». Schliesslich kranken wir alle im selben Bürgerspital.

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