Analyse zu den unterschiedlichen Planungsphilosophien im Bachgraben und in Salina Raurica
Lieber kein nachträglicher Pfusch

Michel Ecklin
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Es ist ein Geknorze mit dem Verkehr im Allschwiler Bachgraben. Derzeit stauen sich rund um das Gewerbegebiet täglich die Autokolonnen, und der Bus steckt fest, halb leer, weil unattraktiv. Die Strasse, die das Gebiet von der Nordtangente her unter Basler und über französischem Boden erschliessen soll, wird frühestens 2030 eröffnet. Erst danach kann das Tram zum Bachgraben gebaut werden – vorausgesetzt, Basel zieht mit. Für eine Weile müssen die Bewohner in Allschwil und Basel West also noch mit dem Verkehrschaos leben.

Dabei wäre es vermeidbar gewesen. In den vergangenen Jahren sind immer mehr Firmen ins Bachgraben gelockt worden, und die produzieren Verkehr. Kanton und Gemeinde freuten sich über die vielen hochwertigen Arbeitsplätze, kümmerten sich ansonsten aber wenig darum, wie sich das Quartier entwickelte. Vorausschauend war das nicht. Bisher sind es vor allem Private, die zumindest ansatzweise dafür sorgen, aus dem Bachgraben mehr zu machen als nur eine Aneinanderreihung von Firmensitzen und Parkplätzen. So haben die Grundeigentümer des Areals Baselink vor, einen zentralen Grünpark zu finanzieren. Im geplanten Turm von Herzog&deMeuron sollen Cafés, Lebensmittelläden, eine Kinderbetreuung und einige Gesundheits- und Finanzdienstleistungen unterkommen. Die beiden Stararchitekten haben ausdrücklich das Ziel, das Bachgraben zu beleben.

Die Verkehrsprobleme im Bachgraben können Herzog&deMeuron und andere Investoren natürlich nicht lösen, trotz der angekündigten Duschen für Velopendler. Sie holen aber mit ihren Bemühungen nach, was eigentlich die Aufgabe der Bauabteilungen der öffentlichen Hand gewesen wäre: die Entwicklung des Quartiers in geordnete Bahnen zu leiten. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass sich die Kritik in Allschwil jetzt ausgerechnet gegen den H&dM-Bau richtet. Das Referendum der Grünen dagegen ist vor allem als Hilfeschrei gegen den ausufernden Verkehr und das planlose Wachstum im ganzen Bachgraben zu verstehen. Das ist nach den Versäumnissen des Staates nachvollziehbar. Das Referendum bestraft aber die Falschen.

In eine solche Sackgasse soll Salina Raurica nicht geraten. Hier wird genau andersherum vorgegangen als im Bachgraben. Der Kanton, die Gemeinden Pratteln und Augst, die Grundeigentümer und weitere private Akteure haben in den vergangenen Jahrzehnten viel in Planungsarbeit investiert, damit auf der grünen Wiese ein attraktives Quartier entsteht. Die vielen tausend Bewohner und Arbeitnehmer, aber auch die bisherigen Anwohner in Augst und Pratteln, sollen einen lebenswerten Stadtteil vorfinden. Vorgesehen sind deshalb ein Park, diverse Alleen und eine Strasse mit Läden. Die Aufteilung der Parzellen soll zudem für architektonische Vielfalt sorgen.

Die Grundeigentümer haben gar keine andere Wahl, als dies alles mitzutragen und ihre eigene Planung danach auszurichten. Noch steht nicht fest, was in Salina Raurica wo genau gebaut wird. Unbekannt sind auch die Investoren und erst recht die zukünftigen Bewohner. Trotzdem macht der Kanton in Sachen Erschliessung bereits Nägel mit Köpfen. Derzeit wird die Rheinstrasse verlegt, und am Donnerstag hat der Landrat die Verlängerung des 14er-Trams nach Salina Raurica in die Wege geleitet. Zusammen mit der bereits bestehenden S-Bahn-Haltestelle wird Salina Raurica so gut erreichbar sein wie kaum ein Ort im Baselbiet. Das, so die Idee des Kantons, soll das Areal für zukünftige Nutzer attraktiv machen.

Doch dieses Vorgehen ist den Kritikern auch wieder nicht recht. Sie haben gegen die Tramverlängerung das Referendum angekündet, denn sie befürchten, hier werde eine Verkehrsinfrastruktur ins Blaue hinein gebaut. Planungsüberlegungen der verschiedenen Akteure stellen sie als belanglos hin, der Bedarf nach Wohnraum und Gewerbeflächen wird in Frage gestellt. Wer nicht grad fundamental gegen Salina Raurica ist, schlägt eine Buserschliessung vor, die langsam mit dem neuen Quartier mitwachsen soll.

Natürlich birgt das Vorpreschen mit Tram, Stadtpark und Strasse ein gewisses Risiko. Nicht auszuschliessen ist, dass Kanton und Gemeinde völlig am Bedürfnis des Marktes vorbeiplanen. Und es ist nicht völlig aus der Luft gegriffen, zu glauben, die viele Planung werde eine leblose Retortenstadt entstehen lassen.

Aber die vorausschauende Vorgehensweise, die die Planer in Salina Raurica gewählt haben, ist allemal schlauer als ein langjähriges Laisser-faire. Das Bachgraben, wo jetzt mühsam eine Strasse und ein Tram reingeflickt werden müssen, sollte als abschreckendes Beispiel dienen.

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