Twitter-Debatte
Laut, provokativ und ohne Weichspüler: Wie Ronja Jansen ins Kreuzfeuer geriet

Juso-Präsidentin Ronja Jansen und ihre Art, zu politisieren: Für einige ein fundierter Diskurs, für andere reine Provokation einer Reizfigur.

Kelly Spielmann
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Ronja Jansen erhält derzeit für ihre Forderung, das Ständemehr abzuschaffen, viel Kritik.

Ronja Jansen erhält derzeit für ihre Forderung, das Ständemehr abzuschaffen, viel Kritik.

Keystone

«Das Ständemehr gehört auf den Müllhaufen der Geschichte.» Mit diesem Tweet geriet Juso-Präsidentin Ronja Jansen am Sonntag nach dem Scheitern der Konzernverantwortungsinitiative in die Schlagzeilen. Die Reaktionen auf Twitter: 720 Likes, 200 Retweets und 410 Kommentare, viele davon kritisch, einige beleidigend.

Diverse Reaktionen kamen von SVP-Nationalrat Christian Imark: Er nannte Jansen «Donaldine Trump» und antwortete mit «Sie ebenfalls» auf den Müllhaufen-Tweet. «Höchst problematisch» findet das Jansen. «Ich würde es ihr genau so ins Gesicht sagen», sagt Imark.

Er stehe dazu: «Wenn etwas auf die Müllhalde gehört, dann Personen und Gruppen, die sich als Pazifisten ausgeben und verkennen, dass das Ständemehr eine Friedenslösung aus einem bewaffneten Konflikt war.» Und fügt an: «Die Formulierung kam vom Aggressor.» Mit den Worten aus Jansens Tweet würde er sich nie äussern. «Aber diesen Leuten muss man den Spiegel vorhalten.»

Co-Präsident erhielt keine Angriffe wie Jansen

Jansen sieht das anders. «Es ist ein klassisches Beispiel: Ich habe ein politisches Konstrukt angegriffen und er mich als Person. Wenn man sagt, jemand gehöre auf den Müllhaufen, spricht man der Person die Daseinsberechtigung ab.» Dass ein gewählter Nationalrat mit solchem Beispiel vorangehe, treibe die Verfasser von Hate Speech an. Sie könne damit umgehen, sagt sie.

Aber man sollte das eigentlich nicht aushalten müssen.

Ronja Jansen polarisiert. Sie eckt an. «Ja, hoffentlich eckt sie an», meint Nils Jocher, Vizepräsident der SP Baselland. Zum Anecken gehöre auch Kritik. «Aber das war ein klar persönlicher Angriff.» Er werde mit solchen Aussagen nie konfrontiert. Auch, als die beiden das Präsidium der Juso Baselland teilten, sei er anders behandelt worden als sie. Das sei mit provokativen Tweets nicht zu rechtfertigen: Wichtig sei, dass hinter einer zugespitzten, angriffig formulierten Aussage eine fundierte Position stecke. «Diesen Spagat macht Ronja Jansen gut.»

Bereits einen Tag nach der Abstimmung hat die Juso denn auch Worte in Taten umgesetzt und eine Petition für die Abschaffung des Ständemehrs lanciert. «Die Debatte hat wirklich etwas ausgelöst», meint Jocher.

Und nur kurz nach dem ersten Tweet hat Jansen einen weiteren abgesetzt, in dem sie ihre Haltung sachlich erklärt. Die Reaktionen waren ähnlich.

Provokation um der Provokation willen?

Mit harscher – aber anständiger – Kritik müsse man rechnen, «wenn man sich so über unsere Verfassung und unsere Schweizer Demokratie äussert», so Nicole Roth, Präsidentin der Jungen SVP Baselland. «Ich finde es bedenklich, dass eine Person, die den akademischen Weg eingeschlagen hat, aber offenbar keine Ahnung von der Geschichte des modernen Bundesstaats hat, sich ganz allgemein immer so undifferenziert äussert.» Provokation nur um der Provokation willen sei nicht die Art, wie sie sich auf Twitter ausdrücke.

Naomi Reichlin, ehemalige Vizepräsidentin der Baselbieter FDP, hat mit Hate Speech wenig Erfahrung. «Ich drücke mich aber auch anders aus als Jansen.» Durch Äusserungen wie ihre könne man schnell zur Reizfigur werden - Beleidigungen gegen die Person seien jedoch nie in Ordnung. Dennoch: Mit sachlicher Kritik müsse man umgehen können, wenn man provoziert.

Und die Juso ist hauptsächlich zur Provokation da

meint Reichlin.

Sie ist überzeugt, dass Samira Marti deswegen nicht siegte, als sie gegen Tamara Funiciello für das Präsidium antrat. «Sie ist eben nicht primär auf Provokation aus.»

Jansen stimmt der Aussage, sie provoziere nur der Provokation wegen, nicht zu. «Aber ich bin nicht bereit, meine Meinung weichzuspülen, nur, weil sie nicht dem Mainstream entspricht.»