Münchenstein
Im sozialen Brennpunkt dürfen die Einwohner mitbestimmen

Der McDonald’s gegenüber der Motorfahrzeug-Prüfstation als sozialer Treffpunkt des Quartiers – das ist ein Punkt, den Regula Waldner in der Langen Heid in Münchenstein ändern will.

Boris Burkhardt
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Optik und Akustik im Quartier Lange Heid brauchen dringend eine Auffrischung.

Optik und Akustik im Quartier Lange Heid brauchen dringend eine Auffrischung.

Nicole Nars-Zimmer

Die Projektleiterin der «Integrierenden Quartierentwicklung», Regula Waldner, sammelt seit zwei Jahren Erkenntnisse in jenem Wohnviertel in Münchensteins Westen zwischen Reinacher-, Binninger-, Emil-Frey- und Bottmingerstrasse. Sanierung der Mehrfamilienhäuser und Lärmschutz, bessere Anbindung an die benachbarten Quartiere sowie Integration und Freizeitangebote sind die Anliegen des Projekts, das sich die Gemeinde jährlich bis zu 80'000 Franken kosten lässt.

Genauer kann Waldner die Projektziele nicht benennen: Kern der Quartierentwicklung sind dessen 1600 Einwohner, ohne deren Teilnahme die Gemeinde nichts entscheiden will. Deshalb hörte sich Waldner bereits an zwei Workshops die Wünsche der Quartierbewohner an; erste kleine Massnahmen konnten im Februar formuliert werden. Die Bevölkerung wolle wissen, «was geht», und sich engagieren, sagt Waldner: «Die Leute wollen kein anonymes Quartier.» Es zeichne sich sogar die Gründung eines Quartiervereines ab.

Wehren gegen schlechtes Image

Auch wehrten sich die Teilnehmer der Workshops gegen das schlechte Image der Langen Heid. In vielen Mehrfamilienhäusern sei die Bausubstanz sichtbar vernachlässigt; Illegaler Sperrmüll und achtlos entsorgter Abfall lösen laut Waldner eine Negativspirale aus. Das subjektive Sicherheitsgefühl leide unter der «dürftigen» Strassenbeleuchtung. Von «Verslumung» sei sogar gesprochen worden; aber das hält Waldner für zu hoch gegriffen.

Das Quartier sei mit einer vorbildlichen Quote von 40 Prozent Grünfläche gesegnet, die jedoch kaum genutzt wird: «Die Kinder werden meist weggeschickt, wenn sie auf den Wiesen spielen», sagt Waldner.

Das Spenglerareal und der Dreispitz in direkter Nachbarschaft würden sich in Zukunft dynamisch entwickeln; das werde für die Lange Heid zu einer Herausforderung. Auch der Zugang zum Naherholungsgebiet Bruderholz ist laut Waldner durch die Reinacherstrasse zu sehr erschwert. Viele Bewohner der Langen Heid wüssten überhaupt nicht um das Erholungsgebiet vor ihrer Haustüre.

Kinder dürfen nicht raus

Die Workshops waren sehr gut besucht, sagt Waldner; dennoch habe sie kaum mehr als die Hälfte der Bewohner erreichen können. Schuld ist die soziale Struktur der Langen Heid, in der 45 Prozent der Bewohner keinen Schweizer Pass besitzen und zum Teil mit Flüchtlingsstatus hier leben. Das ist bei einem Ausländerteil von 23 Prozent in der Gesamtgemeinde recht geballt.

Über die Sommerferien will Waldner deshalb besonders auf die Bewohner zugehen, die bisher dem sozialen Leben fernblieben. Dazu sucht sie Multiplikatoren, die die Einladung an ihre Landsmänner weitertragen: die tamilische Putzfrau des Schulhauses, die Sozialhilfeempfänger, die Besucher der Workshops, die Schule und Schüler selbst. Weil der Datenschutz gewahrt werden müsse, laufe die Multiplikatorensuche «schon etwas nach dem Zufallsprinzip: Wer kennt wen?», gibt Waldner zu.

Erstes Verbindungsglied sind die Kinder. Von ihnen konnte Waldner einiges in Erfahrung bringen, das ihr nicht gefiel. Neben den üblichen Problemen, die Kinder mit Jugendlichen haben, ist es offenbar tatsächlich die Angst der Eltern, die die Kinder isoliert. «Ein tamilischer Bub erzählte mir, er dürfe nur direkt unter dem Balkon draussen spielen», erzählt Waldner.

Beiden Problemen könnte die Gemeinde in einem ersten Schritt begegnen, indem sie, statt dem McDonald’s das Schulareal zum sozialen Treffpunkt für alle ausbaut. Aber, wie gesagt: Die Bewohner sollen entscheiden. Das brauche Zeit, betont Waldner, weshalb es für ihre Arbeit keinen fixen Massnahmenplan gebe.

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