Oberdorf
Finanzchef Michael Wild über Kosten- und Aufgabenteilung: «Das kann so nicht weitergehen»

Die Budgets der Gemeinde Oberdorf weisen für das nächste Jahr rekordverdächtige Defizite auf. Oberdorfs Finanzchef Michael Wild fordert Gespräche mit dem Kanton über Kosten- und Aufgabenteilung.

Simon Tschopp
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Lockt der Neubau der WB Steuerzahler nach Oberdorf?

Lockt der Neubau der WB Steuerzahler nach Oberdorf?

Kenneth Nars

So schlecht wie seit zehn Jahren nicht mehr: Der Voranschlag 2021 der Gemeinde Oberdorf rechnet mit einem Minus von 1,2 Millionen Franken. Dennoch sagte die Gemeindeversammlung am Montagabend deutlich Ja dazu. Finanzchef Michael Wild erklärt, wie er den Finanzhaushalt wieder ins Lot bringen will.

Oberdorf hat seit Anfang Juli mit Ihnen zwar einen neuen Finanzchef, die Zahlen in Budget und Finanzplan haben aber noch dieselbe Farbe – tiefrot. Was läuft falsch?

Michael Wild: Nicht so viel, aber wir können auch nicht viel daran ändern, weil unsere Ausgaben zu 88 Prozent gebunden sind durch Vorgaben von Bund, Kanton und Entscheide unserer Gemeindeversammlung. Bloss über den Rest unseres Budgets, knapp 1,4 Millionen Franken, können wir selbst bestimmen. Dies macht es schwierig, akzeptabel zu budgetieren. Wir haben ein strukturelles Defizit von einer halben Million, in ungefähr der gleichen Höhe fällt der Finanzausgleich tiefer aus wegen Covid-19.

 Michael Wild, Gemeinderat Oberdorf: «Die Messlatte müssen wir hoch ansetzen.»  

Michael Wild, Gemeinderat Oberdorf: «Die Messlatte müssen wir hoch ansetzen.»  

zvg

Werden Sie das Ruder herumreissen können?

Das hoffen wir sehr. Wir werden an Gemeindeversammlungen Anträge stellen mit dem Ziel, auf altbewährte und lieb gewonnene Aufgaben zu verzichten, um die Ausgaben zu reduzieren. Und wir müssen via den Verband Basellandschaftlicher Gemeinden (VBLG) mit dem Kanton über die ganze Kosten- und Aufgabenteilung reden.

Haben Sie schon Kontakte geknüpft?

Noch nicht direkt, aber ich habe bereits Landrätin Andrea Heger, die auch Gemeindepräsidentin von Hölstein ist, angeschrieben. Ich bin erst seit knapp einem halben Jahr im Amt, das sind erste Ideen. Ich werde ebenfalls mit dem VBLG und Regula Meschberger, der neuen Verbandspräsidentin ab Anfang 2021, das Gespräch suchen. Unser Gemeindepräsident, Piero Grumelli, ist neu auch im Vorstand des Gemeindeverbands. Ich hoffe, dass wir etwas aufgleisen und aus dieser Position der Stärke heraus auch etwas erreichen können.

Sind Sie zuversichtlich, dass Sie andere Gemeinden für Ihr Anliegen gewinnen können?

Ja. Sämtliche Gemeinden bei uns im Tal kranken am selben Problem. Ich habe ihre Budgets unter die Lupe genommen. Alle rechnen mit einem Minus. Die beeinflussbaren Ausgaben bewegen sich in einem kleinen Bereich.

Aber es geht nicht allen Baselbieter Kommunen schlecht. Zwei Beispiele: Brislach schafft einen Grossteil der Gebühren ab, und Rünenberg schreibt gemäss Finanzplan bis 2030 schwarze Zahlen in seiner Rechnung.

Das ist vermutlich strukturell bedingt. Ich kenne diese zwei Gemeinden nicht im Detail, um etwas Schlüssiges zu sagen. Aber grossmehrheitlich zeigt sich, dass Gemeinden Probleme haben und es nicht allen so gut geht, wie das der Kanton immer behauptet.

Kann man grosse Agglo-Gemeinden und kleine Landdörfer über einen Leisten schlagen mit ihren verschiedenen Bedürfnissen?

Auch wenn diese unterschiedlich sind, betrifft es schliesslich den ganzen Kanton. Wir müssen zusammenstehen und uns gegenseitig unterstützen – nicht nur bei den Finanzen, auch in anderen Bereichen. Hier braucht es einen gemeinsamen Nenner von Geber- und Nehmergemeinden. Vor allem im Sozialbereich, wo alles den Gemeinden aufgebürdet wird. Das kann so nicht weitergehen. Hier ist der Kanton, die Regierung und der Landrat gefordert.

Gemeinden zusammentrommeln und dann mit dem Kanton verhandeln, um Vereinbarungen zu treffen – das benötigt viel Zeit. Doch es wäre dringender Handlungsbedarf angesagt.

Das ist so. Aber ich finde, diese Zeit müssen wir uns nehmen, damit daraus Gescheites entstehen kann. Nun gilt es, einen Anlauf zu nehmen und zu schauen, was daraus resultiert. Die Messlatte müssen wir hoch ansetzen, denn der Kanton dürfte nicht so einfach bereit sein, sich die Butter vom Brot nehmen zu lassen.

Wie sehen Sie die finanzielle Situation von Oberdorf in fünf Jahren?

Ich hoffe, dass sie sich positiv entwickelt, wir nicht in die prognostizierte Überschuldung gelangen und somit dieser Kelch an uns vorbeigeht. Ein Silberstreifen am Horizont zeichnet sich bereits ab. Die diesjährige Rechnung schliesst voraussichtlich mit einem Gewinn von 500 000 Franken. Dies ist jedoch nicht selbst erwirtschaftet. Das Geld stammt aus dem Finanzausgleich, aus dem wir mehr Mittel erhalten, weil wir in der Rechnung 2019 sehr tiefe Steuereinnahmen ausgewiesen haben.

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