Basler Geschichte(n)
Die «Neun Türme» vor der Stadt: Basilius Amerbach auf den Spuren des Augster Theaters

Basler Geschichte(n), Teil 8 – Basilius Amerbachs Forschungen im römischen Theater von Augst.

Thomas Hufschmid
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Aquarell mit axialem Eingangskorridor im römischen Theater von Hans Bock d. Ä. (1590).

Aquarell mit axialem Eingangskorridor im römischen Theater von Hans Bock d. Ä. (1590).

Es ist bereits September im Jahr 1587, als ein nobler Herr den beschwerlichen Weg von Basel nach Augst auf sich nimmt. Sein Ziel ist aber nicht wie sonst üblich die Ergolzbrücke, über die man ins habsburgische Gebiet und zum am Rhein gelegenen «kaiserlichen Augst» gelangt, sondern die Anhöhe vor der Brücke, die schon seit Generationen «die Neun Türme» genannt wird.

Er ist bereits zum zweiten Mal hier, um sich «zur Zerstreuung», wie er schreibt, ein Bild von den eigentümlichen antiken Bauresten zu machen, die in den letzten Jahren an diesem Ort freigelegt wurden und in der Stadt zu reden geben. Der Reisende ist kein Geringerer als Basilius Amerbach, angesehener Rechtsprofessor und Basler Stadtsyndicus. Geplant hatte er seine Erkundung schon, seit ihm sein Schwager Theodor Zwinger vor zwei Jahren eine römische Scherbe aus den Grabungen von Augst geschenkt hatte. Nur war er in den letzten Jahren dermassen beschäftigt gewesen, dass sich nie die Gelegenheit zu einem Ausflug geboten hatte.

Doch nun war der zähe Rechtsstreit, den er als juristischer Vertreter der Stadt Basel seit 1585 mit dem Fürstbischof zu führen gehabt hatte, fast beendet. Auch den Umzug seiner umfangreichen Sammlung in den neuen Gebäudetrakt seines Hauses hatte er unlängst abgeschlossen, sodass endlich wieder Zeit für andere Dinge blieb. Mit antiken Ruinen hatte er sich in seiner Studienzeit in Italien das letzte Mal beschäftigt, als er 1556 in Rom weilte. Dass er 30 Jahre später in der Nähe von Basel auf ähnlich imposante Zeugnisse der römischen Kultur stossen würde, hätte er sich damals nicht träumen lassen.

«Keine guten oder schönen Funde»

Bereits im Oktober 1588 begibt sich Basilius Amerbach erneut nach Augst. Nun aber nicht mehr zu einem blossen Augenschein an der unterdessen grossflächig freigelegten Ruine, sondern um zu verstehen, um was für ein Gebäude es sich handelt. Er macht zahlreiche Notizen im Felde und vermisst die freigelegten Mauerzüge, um einen Grundrissplan zu erstellen. Während des Winters 1588/89 beschäftigt er sich eingehend mit den Ausgrabungen und verkündet dem Schaffhauser Numismatiker Johann Jakob Rüeger am 19. März 1589: «Ich glaube, dass es sich bei den freigelegten Überresten dieses grossen Gebäudes um ein Theater oder ein Amphitheater handelt.»

In seinem Brief, dem auch eine Skizze des Grundrisses beiliegt, beschreibt er detailliert die ausgegrabenen Mauerzüge, Säulenteile und Steinquader. Daneben offenbart sich auch der Geist des Sammlers, wenn er am Schluss anmerkt, dass er «keine guten oder schönen Funde» entdeckt habe, die noch intakt gewesen seien.

Grundrissplan des römischen Theaters von Basilius Amerbach (1589).

Grundrissplan des römischen Theaters von Basilius Amerbach (1589).

TH

Schliesslich ist im Herbst 1589 ein publikationsreifes Manuskript mit dem Titel «Amphitheatri Rauraci reliqua» fast fertiggestellt. Begleitet wird der Text von einem Grundrissplan, der zwar auf einer möglichst genauen Vermessung beruht, dessen Mängel Amerbach aber immer mehr umtreiben.

Wir finden ihn daher im Mai 1590 wieder vor Ort, wo er neue Aufmasse nimmt und seine Beobachtungen in zahlreichen Notizen direkt auf den Plänen festhält. Daheim im Studierzimmer versenkt er sich immer tiefer in die Probleme, die sich bei der Dokumentation der Ruine ergeben. Aufkommende Fragen notiert er in langen Listen, um sie bei der nächsten Feldkampagne im Oktober 1590 beantworten zu können. Letztlich wird ihm aber bewusst, dass angesichts der schwierigen Topografie ein genauer Plan nur mithilfe von moderner Vermessungstechnik zu erlangen ist, weshalb er Unterstützung beim Kunstmaler Hans Bock dem Ä. sucht, der sich als Topograf einen Namen gemacht hat.

Dokumentation bleibt unter Verschluss

Zur Vermessung des Theaters entwickelt Bock ein eigenes Instrument, mit dem er unter Zuhilfenahme von Kompass und Papierscheiben markante Punkte des Bauwerks einmessen und massstabsgerecht auf Papier übertragen kann. Ausserdem ergänzt er die Aufzeichnungen mit perspektivischen Darstellungen und aquarellierten Übersichten der wichtigsten Baubefunde. Was knapp zwei Jahre zuvor mit einfachen Handskizzen begonnen hatte, entwickelt sich zu einer umfangreichen wissenschaftlichen Dokumentation, die ihresgleichen sucht, und dem wissenschaftlichen Standard um Jahrhunderte voraus ist.

Und das Ende der Geschichte? Dahingerafft von einer Lungenentzündung stirbt Basilius Amerbach am 25. April 1591, die Arbeiten am Augster Theater kommen damit zum Erliegen. Sein Erbe, Ludwig Iselin, respektiert den letzten Wunsch des verstorbenen Onkels und untersagt jegliche Veröffentlichung der unvollständigen Dokumentation. Erst mit dem Ankauf der Amerbach’schen Sammlung durch die Stadt im Jahre 1661 gelangen die wertvollen Unterlagen an die Basler Universitätsbibliothek und bilden heute ein einzigartiges Zeugnis für die Renaissance in Basel: der Zeit, als in ganz Europa die «Wiedergeburt der Antike» gefeiert wurde.

Der Autor ist Archäologe und arbeitet als Monumentenverantwortlicher für die Römerstadt Augusta Raurica. Die «Basler Stadtgeschichte(n)» sind nachlesbar auf: www.stadtgeschichtebasel.ch

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