Larven vs. Schminke
Die Larven-Grenze wird löchriger

«Me het e Larve-n-aa»: Diese Regel wird in der Region Basel immer weniger stark befolgt – was einige freut.

Boris Burkhardt
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Kompromiss aus Larve und Schminke: Die Noote Heuer aus Witterswil am Sissacher Umzug 2013.

Kompromiss aus Larve und Schminke: Die Noote Heuer aus Witterswil am Sissacher Umzug 2013.

Archiv/Kenneth Nars

Immer näher rückt er an die Basler Stadtmauern heran, der Schminke-Larve-Graben. War es bis vor einigen Jahren in der Nordwestschweiz noch allgemein verpönt, mit bemaltem Gesicht an der Fasnacht mitzumachen, so wird dieses Gebot immer weniger strikt befolgt. Und manchmal dringt die Schminke sogar mitten ins Herz der Basler Fasnacht ein, welche die vielleicht letzte grosse Bastion der Larve in der Region bildet, wo sie – und nur sie! – noch das Sagen hat.

Etwa 2015: Damals wagte es die Guggenmusik Noote Heuer aus Witterswil, am Theaterplatz aufzutreten – mit nackten Gesichtern, nur mit Farbe verziert. Ein kleiner Shitstorm war die Folge für die «Skandalgugge». Das sei respektlos, hiess es. An der Fasnacht trage man Larve. Doch ein Blick in die Geschichte zeigt: Die Umzüge mit strikter Larvenpflicht geraten langsam, aber sicher in Bedrängnis. Schminke gewinnt immer mehr an Boden.

Larven sind Exportschlager

Um dieses Thema einordnen zu können, muss man wissen, dass es in den beiden mit Abstand grössten Guggen-Hochburgen der Welt – Basel und Luzern – weiterhin ein Larvenobligatorium gibt, zumindest an offiziellen Anlässen. Die beiden Städte vereinen zusammengenommen über 200 Guggen. Global existieren jedoch geschätzt weitere 600 Formationen.

Und für diese ist Schminke meist völlig selbstverständlich, wie man zum Beispiel an der «Gugge-Explosion» in Lörrach feststellen kann: An dieser treten Gastformationen aus dem Umkreis von 200 Kilometern auf, die meisten «oben ohne».

Dennoch haben sich Larven im typischen Basler Stil weiter ausgebreitet, als die meisten ahnen würden: Sie sind ein äusserst erfolgreiches Export-Produkt. So ist nicht nur bei den Guggenmusiken in Weil am Rhein und Lörrach eine Ganzkopfmaske aus Pappmaché völlig selbstverständlich, sondern auch im weiteren Umkreis im Markgräflerland und Wiesental.

Selbst die Eckepfätzer in Freiburg und die Schädelfätzer in Breisach orientieren sich unverkennbar am Basler Original. Daneben gibt es «Exklaven» wie das württembergische Aalen, wo sich der Gründer der Oschtalb-Ruassgugga von 1973 während seiner Zeit an der Basler Kunstgewerbeschule inspirieren liess.

Die Entwicklung der Guggenszene am Hochrhein scheint im Gegensatz zum Oberrhein jedoch von jeher unabhängig von Basel gewesen zu sein: Während die drei Guggen in Grenzach-Wyhlen noch Larven tragen, gibt es schon in beiden Rheinfelden nur noch geschminkte Gesichter.

Schwarzbuben schminken lieber

Und wie siehts im Baselbiet und Schwarzbubenland aus? Einen «Schminke-Larve-Graben» scheint es schon zu geben, er verläuft durch den Osten und Süden der Nordwestschweiz. Zu nennen wären zum Beispiel die Guggä-Rugger aus Buus, die Büchelgrübler aus Zunzgen, die Hirzefäger aus Breitenbach – oder eben die Noote Heuer aus Witterswil. So argumentiert Claudio Spaar in Breitenbach: «Airbrush gibt einfach mehr her als Larven und die Farben ein besseres Bild. Man versteckt sich nicht hinter einer Maske.»

In den drei grössten Fasnachtszentren des Baselbiets, Liestal, Sissach und Laufen, herrscht allerdings wie in Basel ein Larvenzwang, zumindest beim Umzug. Die Fasnachtsgesellschaft Sissach erlaubt es Gruppierungen, ohne Larve aufzuspielen. Die Ausnahmeregelung gelte jedoch nur für Gastformationen aus traditionellen «Schminklanden», sagt Präsident Fabio Fedriga.

Ansonsten müssten mindestens «drei Viertel des Gesichts» verdeckt sein, das würden die Statuten vorschreiben. Noch strikter sind die Aussagen in Liestal, wo Fasnachtskomitee-Präsident Ruedi Schafroth erwartet, dass sich auch die Gäste anpassen: «Die Liestaler Guggen können Larven an Gastgruppen ausleihen.» Wenn alle Jugendguggen es schafften, Larven zu tragen, könne das auch von erwachsenen Gästen erwartet werden.

Einige Guggen machen es deshalb so wie die Büchelgrübler aus Zunzgen: «Wir haben beides, Larven und Schminke», erklärt Präsident Markus Haldimann. Zwar gehöre Schminke «nicht unbedingt zu unserer Region»; die Zunzger Gugger haben jedoch viele Auftritte in Deutschland und der Innerschweiz, wo sie sich lieber mit dem Pinsel Farbe ins Gesicht malen. «Weil dort fast alle geschminkt sind, haben wir uns etwas angepasst», sagt Haldimann. Auf der Sissacher Fasnacht trage man allerdings Larven. Für ihn sei es «eine Frage des Respekts», der dortigen Tradition nachzukommen.

Ganz so gerne ziehen nicht alle Aktiven der Hirzefäger Breitebach ihre Larven an, wenn sie zur Fasnacht nach Laufen gehen, wie Claudio Spaar anklingen lässt. Die Schwarzbuben würden sich deshalb mit «einfachen Masken» behelfen. Der Sissacher Fasnachtschef Fedriga bestätigt übrigens, dass auch die Noote Heuer trotz der geografischen Entfernung seit über zehn Jahren beim Sissacher Umzug mitliefen – mit Larven.

Die seit dem Vorfall 2015 schweigsamen Leimentaler wollen sich aber auch auf die ausführliche Anfrage der bz nicht dazu äussern. Sie haben wohl keine grosse Lust, wegen ihrer (fehlenden) Kopfbedeckung nochmals in die Zeitung zu kommen.

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