Kopf der Woche
Der Glöckner von Biel-Benken schlägt die letzte Stunde

Über ein Jahrzehnt sorgte Robert Brassel dafür, dass die Kirchturm-Uhr läuft. Nur selten kam es vor, dass er es vergass, das Uhrwerk aufzuziehen. Jetzt sei Zeit für Anderes

Benjamin Wieland
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Zwölf Jahre lang, Tag für Tag, auch an Sonntagen und an Weihnachten, zog Robert Brassel die Biel-Benkemer Kirchturmuhr auf – doch damit ist bald Schluss.

Zwölf Jahre lang, Tag für Tag, auch an Sonntagen und an Weihnachten, zog Robert Brassel die Biel-Benkemer Kirchturmuhr auf – doch damit ist bald Schluss.

Kenneth Nars

Biel-Benken tickt anders. Das ist wörtlich zu verstehen. Die Uhr der Dorfkirche ist eine der letzten in der Region mit rein mechanischem Antrieb. Das bedeutet: Das Uhrwerk muss von Hand aufgezogen werden – Woche für Woche, Tag für Tag.

Für Robert «Robi» Brassel hiess das in den vergangenen zwölf Jahren: Zur Kirche gehen, die enge Treppe hoch, den Dachstock durchqueren und dabei Spinnweben ausweichen, im Kirchturm den Raum mit dem Uhrwerk betreten, die Schutzabdeckung öffnen, das Uhrwerk aufziehen. Woche für Woche, Tag für Tag – ausser, er weilte gerade in den Ferien. Für das grosse Läuten – jeweils um 20 Uhr – sind noch weitere fünf Personen zuständig, sodass sich Brassel nur freitagabends in die Seile hängen musste. Aber das Aufziehen, das war allein seine Sache.

Vergass er es, verlor das Uhrwerk spätestens nach 28 Stunden die Spannung. Das hat Folgen: Zuerst bleibt die kleine Viertelstunden-Glocke stumm, dann aber auch eine der drei Grossen, die jeweils zur ganzen Stunde angeschlagen wird. Und in Biel-Benken, diesem kleinen Idyll am westlichen Rand des Leimentals, fällt das auf, wenn die Kirchturmuhr nicht schlägt. Dann fragt man sich zwischen Löliwald und Leymen: Ist der Robi krank?

Automatisierung abgewendet

Vergessen habe er das Aufziehen aber ganz selten, sagt der 65-Jährige, der in Riehen aufwuchs und vor über dreissig Jahren nach Biel-Benken kam – seiner Frau wegen. «Und wenn, dann rief mich bald jemand an.» Meist bemerkte er es aber selber, spurtete dann rasch zur Kirche rüber. Bis vor zwei Jahren wohnte er gleich neben dem Glockenturm, in einem alten Bauernhaus. «Ich nahm das Glockengeläut gar nicht mehr wahr. Das ist wie bei Leuten, die an einer Bahnlinie wohnen und die Züge nicht mehr hören. Aber wenn die Glocken mal nicht läuteten, dann fiel mir das sofort auf.»

Vor zwei Jahren zog Brassel mit seiner Frau Ruth ins Haus von deren Eltern, ans andere Ende des Dorfes. Von da an war es eine fünfminütige Velofahrt bis zur Pfarrkirche St. Antonius. Das tägliche, abendliche Aufziehen und das freitägliche Geläut benötigten mehr Zeit. Das alleine sei aber nicht der Grund, weshalb er die Aufgabe abgebe, sagt der Vater von drei erwachsenen Kindern: «Meine Frau wird bald pensioniert. Ich möchte etwas flexibler sein.»

Brassel selber liess sich bereits vor fünf Jahren frühpensionieren. Er arbeitete beim Kanton Basel-Stadt als Informatiker. Gelernt hatte er Laborant, später hängte er eine Ausbildung als Ingenieur an, was ihn zuletzt zur Informatik führte.

Für den Job bei der reformierten Kirchgemeinde interessierte er sich zunächst nicht. Die Aufgabe wurde frei, als die damalige Sigristin pensioniert wurde. Trotz Aufrufen in der Dorf-Zytig fand sich aber niemand. An der Fasnacht 2004 wurden bereits Abgesänge auf das Geläut gedichtet:

I ghöre n es Glöggli, das lütet so nätt

Es mahnt is ans Choche

und d Chinder ans Bett ...

Das Liedli isch härzig, nur nüm aktuell

Me seit es gäb niemerts, wo dä Job no well.

Dann meldete sich Brassel, damals noch voll berufstätig, für die Aufgabe. Biel-Benken hatte die Automatisierung der Uhr nochmals aufschieben können. Das Aufziehen kostete ihn jeweils gegen zehn Minuten, der Weg nicht einberechnet. Im Sommer ging er um 20 Uhr raus, im Winter zwei Stunden früher. Geld bekam er nicht für die Einsätze – und er wollte auch keines: «Man sollte auch mal etwas gratis machen, als Dienst an der Allgemeinheit.» Reich wurde er auch nicht als Glöckner: Pro Einsatz winkt ein Fünfliber.

Nun wird Brassel Ende Oktober das Uhrwerk zum letzten Mal aufziehen. Dann übernimmt Sigristin Ines Jäggi den Part, bisher war sie seine Ferienvertretung.

Fasziniert von Uhren

Er werde den täglichen Gang zur Kirche wohl nicht vermissen, sagt Brassel, der auch zu Hause an alten Uhren schraubt. Und wenn der Tüftler dann doch mal Sehnsucht verspürt nach dem Uhrwerk, dann kann er ja einfach rasch in die Kirche gehen. Deren Tür steht immer offen.

So ist das halt, im Dorf zwischen Löliwald und Leymen.

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