Biografie
Das Schicksal der Familie Kogon nachdem Hitler Österreich überfiel

Michael Kogon schildert die Jahre seines Vaters als Gefangener der Gestapo im Gefängnis und im KZ sowie das Schicksal der zurückgebliebenen Familie

Thomas Immoos (Text und Fotos)
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Michael Kogon lebt heute in Füllinsdorf

Michael Kogon lebt heute in Füllinsdorf

Thomas Immoos

Der Tag, an dem Hitler mit seiner Armee seine Heimat Österreich überfiel und in Deutschland eingliederte, war auch der letzte Tag in Freiheit von Eugen Kogon. Der damals 35-jährige Journalist wurde an jenem 12. März 1938 verhaftet, als er fliehen wollte; denn als Nazi-kritischer Redakteur hatte er geahnt, auf einer schwarzen Liste der Gestapo zu stehen. Während der ganzen sieben Jahre, in denen Österreich zum Deutschen Reich gehörte, war Eugen Kogon inhaftiert, entweder in einem Gefängnis in Wien oder im Konzentrationslager Buchenwald.

Sein Sohn Michael, viele Jahre Übersetzer und Pressesprecher der BIZ in Basel, lebt seit Jahrzehnten in Füllinsdorf. In einem Buch erzählt er jene schwierigen Jahre – schwierig sowohl für seinen inhaftierten Vater als auch für seine Mutter, die täglich um das Überleben der Familie kämpfen musste. Die Söhne wurden in ein Benediktinerkloster in Bayern gesteckt, wo sie fast drei Jahre lebten – dank des mit Kogon befreundeten Abtes. Die jüngere Schwester blieb bei ihrer Mutter in Wien.

Nach dem Krieg hat Eugen Kogon, auf Anregung der amerikanischen Besatzungsmacht, das KZ-Regime der Nazis analysiert. Ab 1946 wurde das Buch «Der SS-Staat» zu einem Bestseller und in viele Sprachen übersetzt. Eugen Kogon gehörte zu jenen Menschen, die nach dem Krieg entscheidend dazu beigetragen haben, Deutschland als demokratischen und friedlichen Staat in Europa zu integrieren. Sein Sohn Michael hat in seinem Buch «Lieber Vati! Wie ist das Wetter bei Dir?» die sieben Jahre zwischen 1938 und 1945 nachgezeichnet. Dabei stützte er sich vor allem auf die Briefe seiner Eltern und der Söhne wie auch auf die Kassiber (geheimen Botschaften), die aus dem Gefängnis und ins Gefängnis geschmuggelt wurden. Diese Botschaften zeigen das stete Auf und Ab zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Halt hat dem inhaftierten Vater die katholische Religion gegeben. Nahm die Verzweiflung überhand, übte er Selbstkritik: Er habe zu wenig gebetet, zu viel gesündigt, sei zu wenig stark im Glauben gewesen.

Häftlingen zum Überleben verholfen

Michael Kogon, inzwischen 86-jährig, versteht es, auf gut 500 Seiten anhand des harten Schicksals seines Vaters die brutale Herrschaft der Nazis aufzuzeigen. «Mein Vater war willkürlich verhaftet worden», sagt er. Nicht nur dessen ablehnende Haltung zum Regime wurde ihm vorgeworfen, sondern auch vermeintliche Devisenvergehen, derer ihn ein Nazi und ehemaliger Geschäftspartner bezichtigte. Zudem soll Kogon einem Regimegegner zur Flucht verholfen haben.

In der Haft erwarb sich Eugen Kogon das Vertrauen eines SS-Lagerarztes, dessen Schreiber er wurde. So schuf er sich eine Schaltstelle im KZ und konnte damit einigen Häftlingen zum Überleben verhelfen. Unter ihnen war auch der Résistance-Kämpfer Stéphane Hessel. Ihm verschaffte Kogon die Identität eines verstorbenen Häftlings, sodass Hessel dem Tod entkam.

Er bewundere seinen Vater nicht in erster Linie für seine grossen Schriften und Reden, sagt sein Sohn Michael heute. «Ich bewundere ihn für seinen Mut im KZ, wo er unter Todesgefahr anderen Menschen half.» Denn wäre herausgekommen, dass er Häftlingen zum Überleben verhalf, wäre ihm der Tod gewiss gewesen. Michael Kogon setzt aber auch seiner Mutter ein Denkmal, die in den sieben schwierigen Jahren alles tat, um ihren drei Kindern ein einigermassen erträgliches Leben zu ermöglichen: «Meine Mutter war eine tapfere Frau», würdigt ihr Sohn Michael ihre Leistung. Nie habe sie ihren Kindern gegenüber geäussert, wie schwierig die Situation für sie ist.

Michael Kogon stellt auch den zeitgeschichtlichen Kontext her und führt uns Nachgeborenen die Zusammenhänge vor Augen. So ist das Buch nicht nur eine Biografie und eine Familiengeschichte, sondern auch ein Geschichtsbuch. Wo dem Autor Quellen fehlten, assoziierte er manchmal frei: «Dann habe ich geschildert, wie es sich ereignet haben könnte.»

Das Buch Michael Kogons ist ein erschütterndes Zeitdokument. Es zeigt, was eine Diktatur bei Einzelpersonen und Familien anrichten kann.

Michael Kogon: «Lieber Vati! Wie ist das Wetter bei Dir?» – Erinnerungen an meinen Vater Eugen Kogon; Briefe aus dem KZ Buchenwald, Pattloch Verlag, München 2014, 523 Seiten, Preis: Fr. 32.90.

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