Soziales Engagement
Baselbieter Arzt hilft Strassenkindern in Marokko

Daniel Schädeli ist Arzt in Allschwil, doch seine soziale Ader reicht viel weiter. Ihm begegnete im Maghreb so viel Leid, dass er eine Hilfsorganisation gründete.

Julia Gohl
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Der Arzt Daniel Schädeli setzt sich für Strassenkinder ein.

Der Arzt Daniel Schädeli setzt sich für Strassenkinder ein.

Roland Schmid

Daniel Schädeli wurde nicht mit einem goldenen Löffel im Mund geboren. Im Gegenteil – er musste sich alles selbst erarbeiten. Während der Schule und dem Studium jobbte er am Fliessband oder auf dem Bau, um seine Bücher zu bezahlen. Und trotzdem sagt der in Allschwil tätige Hausarzt über sich, er sei von Geburt an privilegiert gewesen: «Ich hatte Glück, dass ich in einem Land wie der Schweiz zur Welt gekommen bin.» Denn der 59-Jährige weiss, was es wirklich bedeutet, nicht privilegiert zu sein.

Seit über 40 Jahren setzt er sich in Ländern, in denen es der Bevölkerung weniger gut geht, für andere Menschen ein. «Ich hatte die Möglichkeit, eine gute Ausbildung zu machen. Das ist ein Privileg. Und dieses Privileg, dieses Know-how, gebe ich nun weiter.»

Vom Skigebiet nach Tunesien

Angefangen hat Schädelis Geschichte als sozial engagierter Arzt in einem Schweizer Skigebiet. Kein Ort, an dem sich arme Menschen tummeln. Aber ein Ort, an dem sich ein Tourist aus Tunesien ein Bein brach und vom damaligen Assistenzarzt Schädeli behandelt wurde. «Er war begeistert von unserer Pflege und hat mich zu sich eingeladen», erinnert sich der in Allschwil aufgewachsene Mediziner. Das ganze Land sei ihm gezeigt worden. «Dabei hatte ich diverse Schlüsselerlebnisse. Ich traf zum Beispiel einen 19-Jährigen, dem das Bein amputiert worden war.» Der Junge hatte Diabetes und sei nicht betreut worden. «Ich dachte mir nur: So etwas darf es nicht geben!»

Für Schädeli war klar: Er musste helfen. So lancierte er in den nachfolgenden Jahren diverse Projekte in Tunesien. Beim ersten ging es darum, Diabetiker aus der Distanz zu betreuen. Zuvor galt es allerdings, die Situation zu analysieren und daraus ein Konzept zu erstellen. «Das sind meine Stärken», so der in Witterswil wohnhafte Doktor. Es geht ihm nämlich nicht darum, selber als Arzt im Einsatz zu stehen, sondern Programme zu lancieren und Leute vor Ort auszubilden.

Das macht er auch heute noch – allerdings nicht mehr in Tunesien, sondern in Marokko. Die Situation in Tunesien wurde unter dem Regime von Ben Ali nämlich zusehends schwerer. «Kaum lief ein Projekt gut, wurde es mir von der Regierung weggenommen, geriet in falsche Hände und versandete schliesslich.»

So zog es Schädeli nach Marokko, wo er eine IT-Firma aufbaute. «Auf dem Weg vom Büro zur Wohnung stolperte ich da förmlich über Strassenkinder», erzählt er. «Als Arzt ist es schwierig, da einfach wegzuschauen.» Also begann er, auch dort zu helfen. «Aber ich merkte schnell, dass das nichts bringt. Klar kann ich den Kindern heute etwas zu essen geben, aber morgen sind sie wieder hungrig.»

Also griff Schädeli wieder auf seine Stärke zurück: analysieren und konzipieren. So entstanden auch in Marokko diverse Projekte unter seiner Führung. «Vor acht Jahren wurde das alles so gross, dass ich den Verein ‹Hilfe für Strassenkinder in Marokko› gründete.»

Betreut auch Obdachlose

Trotz Engagement im Maghreb lebte Schädeli stets in der Region, führt seit 26 Jahren eine Praxis in Allschwil. Auch dort scheint seine soziale Ader durch, die er gemäss seiner Mutter schon als Kind hatte. «Ich betreue viele sogenannt Randständige wie Suchtkranke oder Obdachlose», erzählt er. Dort kommt ihm – genau wie bei der Arbeit in Marokko – seine Hartnäckigkeit zugute. «Bei beiden muss man immer dranbleiben und darf nicht aufgeben.»

In der Praxis ist das Verständnis für seine Reisen nach Marokko gross. Vier Mal im Jahr fährt er für jeweils zwei bis drei Wochen weg. «Nach der Pensionierung könnte ich mir sogar vorstellen, jeweils für ein halbes Jahr in Marokko zu leben.» Fremdenfeindlichkeit habe er nie zu spüren bekommen. «Ich hatte von Anfang an einen Draht zu den Leuten.» Als ein Verwandter einen Stammbaum erstellte, zeigte sich doch tatsächlich, dass die Wurzeln der Schädelis in diese Region zurückreichen. «Schon als Kind machte ich gewisse Gesten, von denen sich meine Mutter nicht erklären konnte, woher ich sie hatte. Im Maghreb sind mir diese alle wieder begegnet.»

Die Arbeit in Tunesien und Marokko habe auch ihn verändert. «Wenn ich von dort zurück in die Schweiz komme und hier diesen Überfluss sehe, macht mir das zu schaffen», gibt er zu. «Ich lebe mittlerweile ziemlich bescheiden und habe nicht das Gefühl, dass das eine Qualitätseinbusse ist. In Marokko haben die Leute fast nichts – unglücklicher als die Schweizer sind sie deswegen aber keineswegs.»

Vortrag von Daniel Schädeli über seine Arbeit mit Strassenkindern in Marokko. Morgen Sonntag, 30. August, um 15 Uhr, im Restaurant Jägerstube am Dorfplatz 11, Allschwil.

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