Auszeichnung
Liestal erhält den «Flâneur d'Or» – der Preis kommt fürs gebeutelte Stedtli goldrichtig

43 Projekte wurden bei Fussverkehr Schweiz eingereicht, die erneuerte Rathausstrasse in der Baselbieter Kantonshauptstadt überzeugte die Jury am meisten.

Andreas Hirsbrunner
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Die 2017 zur Flaniermeile umgebaute Rathausstrasse in Liestal hat nationalen Vorbildcharakter.

Die 2017 zur Flaniermeile umgebaute Rathausstrasse in Liestal hat nationalen Vorbildcharakter.

Bild: zvg

Das Timing hätte für Liestal nicht besser sein können: Nach Wochen der Negativschlagzeilen – zuerst das Bahnhofsgeknorze, dann die Coronademo mit Gegendemo im Internet unter «No Liestal» – stand die Baselbieter Kantonshauptstadt am Freitagabend wieder einmal im positiven Scheinwerferlicht. Allerdings nur in einem überschaubaren, aber trotzdem: Die Organisation Fussverkehr Schweiz verlieh Liestal den Preis Flâneur d’Or für die 2017 erneuerte Rathausstrasse.

Dieser Preis, hinter dem eine Vielzahl von Organisationen wie das Bundesamt für Strassen oder der VCS stehen, wird seit 1987 im Dreijahresrhythmus für Projekte vergeben, die den Fussverkehr besonders fördern und zur Nachahmung einladen, wie Fussverkehr-Präsidentin Marionna Schlatter an der Online-Feier erklärte. Beurteilt würden Kriterien wie Qualität, Attraktivität, Sicherheit und Kosten-Nutzen-Verhältnis eines Projekts.

«Mischung aus ländlichem Pragmatismus und schlichter Eleganz»

Jury-Vertreter Massimo Fontana hob am Siegerprojekt hervor:

«Schon seit längerem ist die Liestaler Rathausstrasse vom Durchgangsverkehr befreit, doch das allein machte sie nicht zu dem, was sie heute ist. Der wesentliche Schritt gelang den Gestaltern, indem sie die Trennung zwischen Strasse und Trottoir aufhoben.»

Damit hätten sie die Fläche zwischen den Häusern zu einem einzigen, barrierefreien Raum und damit zu einer Flaniermeile verwandelt. Charakterisiert werde diese durch Asphalt, breite Granitsteinbänder, eine Rinne sowie locker verteilte Sitzbänke. Fontana: «Damit ist eine stimmige Mischung aus ländlichem Pragmatismus und schlichter Eleganz gelungen.» Was den Preis noch aufwertet: Es wurden nicht weniger als 43 Projekte für den Flâneur d’Or 2020 aus der ganzen Schweiz eingereicht.

Ein wichtiges Element: Über die ganze Rathausstrasse verteilt wurden rundum nutzbare Sitzbänke aufgestellt.

Ein wichtiges Element: Über die ganze Rathausstrasse verteilt wurden rundum nutzbare Sitzbänke aufgestellt.

Bild: zvg

Entgegennehmen konnte den Preis Stadtpräsident Daniel Spinnler; aufgegleist haben das Erneuerungsprojekt aber vor allem Lukas Ott und Franz Kaufmann, die nicht mehr dem Stadtrat angehören. Doch auch Spinnler hatte einen Anteil: Er reichte zusammen mit der einstigen Baselbieter Polithoffnung Diego Stoll den entscheidenden Vorstoss im Liestaler Ortsparlament ein.

Ein Stolperer soll alles ausgelöst haben

Glaubt man der kursierenden Legende, so kam Spinnler die Idee, als er über ein Loch in der alten Rathausstrasse stolperte. Wie auch immer, Spinnler nahm die Auszeichnung hocherfreut entgegen: «Ich bin sehr glücklich über diesen Preis. Die Rathausstrasse ist ein Symbol dafür, dass auch eine arme Stadt mit Investitionen am richtigen Ort etwas ernten kann.» Die neue Strasse «mit Strahlkraft» habe dem Stedtli neues Leben eingehaucht.

Und sie, so kann man ergänzen, bewährt sich auch in der jetzigen Coronakrise, werden doch leerwerdende Ladenlokale in der Regel schnell wieder besetzt. Das allerdings auch zu Lasten des parallel verlaufenden Fischmarkts, der zusehends zum Parkierhinterhof der Rathausstrasse verkommt. Stadtpräsident Spinnler wirkte nach all den Negativschlagzeilen sichtlich erleichtert, als er am Ende der Feier das Glas anhob und rief: «Yes Liestal.»

Auch Basler Fussgängerorientierung wird ausgezeichent

Der Hauptpreis ging zwar an Liestal, aber auch Basel ging bei der Preisverleihung von Fussverkehr Schweiz nicht ganz leer aus: Die Fussgängerorientierung Basel Info erhielt eine von sieben Auszeichnungen. Das System unterstütze Ortsunkundige einfach, bedürfnisgerecht und zeitgemäss dabei, die Stadt zu Fuss zu erkunden. Die an zahlreichen Orten aufgestellten Tafeln seien professionell und leicht verständlich gestaltet. Und die Infos seien physisch und digital zugänglich, lobte die Jury. (hi)

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