Blackbox IWF

Wie objektiv ist eine Filmkamera? Die Tour de Force des Roxy Birsfelden

Im Theater Roxy in Birsfelden hinterfragt «Blackbox IWF» das Denken und verlangt den Zuschauern Einiges ab.

Wen blickt man an? In einem gelungenen Moment von «Blackbox IWF» lassen sich die Performerin Ute Sengebusch und der Performer Pakkiyanathan Vijayashanthan filmen, während sie ihre Positionen tauschen. Geht man mit dem Blick mit oder nicht? Schaut das Publikum dem Schwarzen oder der Frau nach? Wie begegnet man dem eigenen Blick kritisch? «Blackbox IWF» will nicht nur das Nachdenken darüber anregen, sondern auch über Kameraausschnitte, die behaupten, wissenschaftlich zu sein.

Bei IWF denkt man zunächst an den Internationalen Währungsfonds, aber in «Blackbox IWF», einer Kooperationsarbeit freier Performancekollektive, steht IWF für «Institut für Wissenschaftlichen Film». Dieses Institut war im deutschen Göttingen beheimatet und verwaltete bis zu seiner Schliessung 2010 eine der grössten Sammlungen ethnologischer Filme: Sequenzen, die kulturelle Praktiken wie die Kokosnussernte oder «Tiertänze» zeigen. Scheinbar ohne Wertung.

Die Filme des IWF werden jedoch nicht gezeigt

Bei dieser vermeintlichen Objektivität setzt «Blackbox IWF» an, will aufzeigen, wie voyeuristisch der Blick auf jene ist, die einem fremd erscheinen. Dass dieser Blick von Ressentiments und Rückständen kolonialen Denkens gefärbt sind. Ihre Haltung macht die Produktion eindeutig klar – aber warum sie sich ausgerechnet des mittlerweile geschlossenen IWF angenommen hat, erschliesst sich weniger deutlich. Womöglich ist die Antwort einfach: Faszination für die Filme. Doch die Filme des IWF dürfen im Stück gar nicht gezeigt werden. Also zeigen die Macher andere.

So kritisiert die Performance eine reale gesellschaftliche Herausforderung – wie blickt man auf Menschen mit anderer Hautfarbe und aus anderen Kulturen? – anhand eines seit bald zehn Jahren geschlossenen Filminstituts, dessen Inhalte das Publikum nicht sehen kann. Unter diesen Bedingungen einen Performanceabend aufzubauen, ist schwierig. Vor allem wenn man den falschen einfachen Wahrheiten des ethnologischen Films nicht mit ähnlich einfachen Wahrheiten begegnen will.

Der Umgang, den das Team hinter «Blackbox IWF» mit dieser Situation gefunden hat, macht es dem Publikum nicht leicht. Es gibt weder einen inhaltlichen noch einen thematischen Bogen. Lose reihen sich verschiedene «Versuche» aneinander: Anordnungen, Situationen, Impulsvorträge. Eines der letzten dieser Elemente ist ein per Beamer eingespielter Song von La Nefera. Die in Basel lebende Rapperin tanzt, zerschnitten von den vielen Leinwandplatten, welche die Bühne umrahmen, und rappt über Unterschiede und Rassismus. Das ist für sich genommen sehr gelungen, aber nach dem Song wird alles wieder aufgelöst. Nichts wird aufgebaut, aufgenommen oder eingeordnet. Nächste Szene.

Auch inhaltlich fehlt es an Schärfe: Statt dass ethnografischer Film wirklich dekonstruiert wird, erfährt man in einem langen Exkurs von der Nutzungsgeschichte des Institutsgebäudes. Bis 2018 wurde es während dreier Jahre als Asylunterkunft verwendet und vor kurzem dem Erdboden gleichgemacht. «Blackbox IWF» zeigt einen Rohbau. Das Publikum wird in der Analyse des Recherchierten allein gelassen. Dies fällt besonders ins Gewicht, weil mit Michael Westrich ein Wissenschafter mit auf der Bühne stehen würde.

Ja, Rechercheperformances waren schon zugänglicher, aber wer sich trotzdem auf dieses Projekt einlässt, wird mit Eindrücken, Bruchstücken und Archivbildern belohnt. Man muss aber ausdauernd sein und die Einzelteile selber zusammenfügen. Jeweils eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn gibt ein Kurzfilm Einblicke in die Geschichte des IWF. Ganz im Gegensatz zum Stück zeichnet dieser nachvollziehbar nach, wohin die Recherche hinter «Blackbox IWF» wohl zielte. Es empfiehlt sich also, früh im Roxy zu sein.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1