Grenzen

Wem gehört die Fahne auf der Belchenfluh?

Sogar der Baselbieter Kantonsgeometer musste zuerst mal nachschauen gehen, um die Frage zu klären. Wenige Zentimeter entschieden: Baselland: 1, Solothurn: 0.

Die Frage liess ihn einfach nicht mehr los. So entschied der Baselbieter Kantonsgeometer das zu tun, was Geometer wohl immer tun, wenn im Büro alle Hilfsmittel versagen, GIS, Luftbilder, alte Karten: einen Augenschein nehmen, ins Gelände gehen, sich die Trekkingschuhe schmutzig machen.

Ja, wem gehört sie, die Fahnenstange auf der Belchenfluh, Baselland oder Solothurn? Die Diskussion hatte der Baselbieter Regierungspräsident Isaac Reber entfacht, unabsichtlich. Bei seinem Neujahrsvideogruss von der Belchenfluh, 1099 Meter über Meer, flattert im Hintergrund die Schweizer Fahne lustig im Wind.

Auf Twitter wurde moniert, sie sei wohl gar nicht so baselbieterisch, die Fahne auf dem Bölche, immerhin ein Lieblingsmotiv von Baselland Tourismus. Zu den Häretikern zählt Christian Ginsig, ehemaliger Leiter der Kommunikation bei den Basler Verkehrsbetrieben, als Oltner nicht ganz neutral. Ginsig twitterte, der Belchen gehöre zu «mindestens fünfzig Prozent zu Hägendorf». Und: Der Fahnenmast könnte auf Solothurner Boden stehen.

Soviel vorweg: Die Fahnenstange befindet sich im Baselbiet. Doch nur wenige Zentimeter entschieden das Rennen.

Sogar Google Earth fischt im Trüben

Die Schweiz ist bekannt für ihre präzisen Karten. Die amtlichen Vermesser entdecken jedes Gartenhäuschen – die Fahnenstange muss ihnen aber entgangen sein. Auch Ortho-Fotos, GIS-Karten und Google Earth helfen nicht weiter. Zwar sieht man das rote Tuch. Es ist aber nicht erkennbar, wo die Stange verankert ist: nördlich oder südlich der Kantonsgrenze?

Auch nicht einfacher macht es der Knick, den die Kantonsgrenze vollzieht, kurz vor der Fahne (siehe Karte). Rund neun Zehntel des Gipfelplateaus liegen auf Baselbieter Boden, aber eben: Wo genau ist die Grenze? Isaac Rebers Klärungsversuch auf Twitter war nur mässig verwertbar: «Baselland ist da, wo die Sonne scheint.»

Als die bz den Baselbieter Kantonsgeometer Patrick Reimann anfragte, versuchte der
Aescher zuerst, die Abstände per GIS zu ermitteln. Dabei sollte ihm der Detailplan helfen, das «Kroki». «Das ist Jargon», erklärt der Kultur-Ingenieur ETH. «‹Kroki› kommt von französisch croquis, also Skizze, Entwurf.» Es handelt sich um eine gröbere Untertreibung: Auf der Detailkarte, Format 1 zu 100, sind sogar Felstritte eingezeichnet. Skizzenhaft ist da gar nichts. Nur: Selbst das «Kroki» lässt einen bei der Fahnenfrage im Stich. So schlug Reimann vor: «Gehen wir doch auf die Fluh und schauen nach – seid ihr dabei?»

Der Aufstieg ist rasch vollzogen, bei Sonne und leichtem Westwind. Oben angekommen, sucht Reimann den Triangulationspunkt, einen Metallbolzen, in den Fels eingelassen. Die Triangulationspunkte sind das Grundraster für die weltweit bewunderten Schweizer Landeskarten, ihr Skelett.

An Solothurn führt trotzdem kein Weg vorbei

Reimann befreit den Metallbolzen von Staub. Rund zwei Meter daneben: noch ein Bolzen. Er markiert die Stelle, an der die Kantonsgrenze einen Knick vollzieht. Jetzt kann es losgehen. Reimann entfaltet den Detailplan, nordet ihn, kontrolliert das Geländer. Dann darf er zur offiziellen Erklärung schreiten: «Die Fahnenstange liegt auf Baselbieter Boden!» Rund zehn Zentimeter haben das Rennen entschieden.

Administrative Grenzen verlaufen im Gebirge meist über die Krete, den Kamm. Warum das beim Belchen anders ist, weiss auch Reimann nicht. Die Plattform wurde während des Ersten Weltkriegs angelegt. Sie diente als Beobachtungsposten.

Kleiner Trost für Solothurner: Der (reguläre) Aufstieg zur Plattform führt auch über Hägendörfer Boden. Wie würden die Berner sagen: Gäng sövu!

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