«Wander-Verführer»

Von Sissach bis zum Doubs - «verlaufen gehört dazu»

Schon als Kind wanderte Daniel Zahno – was für eine Seltenheit! – gerne. Seit je meidet er ausgetrampelte Pfade.

Schon als Kind wanderte Daniel Zahno – was für eine Seltenheit! – gerne. Seit je meidet er ausgetrampelte Pfade.

Der Autor Daniel Zahno hat 25 Touren zusammengestellt, die rund um Basel führen – von der Sissacher Fluh bis zum Doubs. Beim Wandern verlässt sich Zahno auf die Neugier und den Orientierungssinn.

Nein, ein Wanderführer ist es nicht, dieses schöne neue Buch, auch wenn es Beschreibungen von Wanderungen enthält und einen lesend mitwandern lässt. Es ist ein «Wander-Verführer»; und der kleine sprachliche Unterschied ist kein Zufall. Die fünfundzwanzig Touren, die darin beschrieben sind, sollen nämlich nicht nur Lust machen, sie nachzuwandern, sondern zum Entdecken verführen. Dazu, sich «überraschen zu lassen», wie Daniel Zahno, der Verfasser, sagt, «und ein kleines Abenteuer zu erleben», indem man durch Wälder und Wiesen wandert. Blumen, Bäume und Tiere zu beobachten, bissigen Hunden auszuweichen, Aussichten zu geniessen und Pilze zu finden, Waldbeeren zu pflücken, nicht zum Sammeln, «wottsch jo au no wiiter», sondern gleich zum Essen, und die Sinne offen zu halten.

Die Touren, von denen er erzählt, ist er natürlich nicht nur abgelaufen, er hat sie auch gefunden; manchmal auf Wegen «die schon lange keiner mehr gegangen ist» – «und verlaufen gehört dazu», denn beim Wandern hat er «kein GPS, kein Handy, keinen Kompass» dabei, verlässt sich auf die Neugier und seinen Orientierungssinn. Er will sich einlassen können auf die Gegend, durch die er sich bewegt: «Dort sein», wie er es nennt.

Feuerlilien und Alpakas

Seine Art der sinnlichen Beschreibung macht Lust, ihm zu folgen. Es sind Touren, die zwischen gut einer und etwa sechs Stunden lang sind und vor unserer Haustür beginnen: zwischen Roggenburg, Leymen und dem Passwang, zwischen Sissacherflue, Falkenflue, Geissflue, der Linde von Linn und der «Steinschnecke» hinter der Buschberg-Kapelle. Das Kapitel «Felsige Höhen» fasst das erste Drittel der Vorschläge zusammen, dann kommen die Wanderungen in den «Wilden Westen» (wozu auch der Wallfahrtsort Mariastein gehört), dann geht es zu «Sanften Hügeln», in den «Magischen Osten» Basels und zuletzt gibt es noch einen Abstecher an den Doubs. Plus Hinweise auf spezielle «Fundstücke» wie Alpakas, wilde Feuerlilien oder die «Albert- Hofmann-Geburtstagsbank», sowie «Mundstücke»: Kulinarisches, gefunden und genossen am Weg. Besonders gerne Süsses.

Das Gute liegt manchmal ja nah. «Auch eine Art Heimatkunde» seien die mit eigenen Fotos bebilderten Beschreibungen, meint Zahno: eine Einladung, wandernd die Gegend kennen zu lernen, in der man zu Hause ist.

Zu Fuss in die Tüfels Chuchi

Er lächelt, wenn er davon spricht. Er ist schon als Kind gerne gewandert. Sein Vater, sagt er, bekam als Trämler jeweils Freibillette für Bergbahnen, die hätte die Familie ausgenützt, aber er wollte «nicht immer nur auf den Niesen oder aufs Schilthorn, sondern auch Anderes entdecken». Hat angefangen, Karten zu studieren, liess sich im Verkehrsbüro bei der Schifflände bunte Prospekte geben und hat schon als Zwölfjähriger Listen mit Wunschzielen aufgestellt – und die Eltern liessen sich darauf ein. Sie wanderten mit ihm mit.

Und vielleicht hat er auch damals schon nicht nur das Gehen und die Natur lieben gelernt, sondern auch den Eigensinn und die poetische Schönheit von Namen? Wenn eine Blume «Frühlingsblatterbse» heisst, oder Orte Fringeli, Vögeli, Misteli und Tüfels Chuchi (sie liegen hintereinander auf dem Weg von Grindel nach Riederwald) ...

New York: «Wildnis aus Stein»

Daniel Zahno ist ja Sprach-Arbeiter. Sein Germanistik-Studium hat er mit einer Studie über die Symbolik des Schmetterlings in der Literatur abgeschlossen, und daneben schrieb er. Für den Erstling, die Erzählsammlung «Doktor Turban» (1996), erhielt er gleich den Tübinger Poetik-Preis und den Clemens-Brentano-Preis, und der erste Roman «Die Geliebte des Gelatiere» (2009) war ein grosser Publikumserfolg. Zuletzt erschienen ist «Manhattan Rose» (2013), der vierte Roman, die kriminalistische Liebesgeschichte eines Schweizer Rosenzüchters, der sich in New York in eine Frau aus Arth-Goldau verliebt, die da als Sprachlehrerin arbeitet; er zieht zu ihr und lernt, mit der urbanen Umgebung und seiner Verletzbarkeit umzugehen – etwas, was sein Autor auch leistet. Daniel Zahno pendelt seit fünf Jahren zwischen Basel und New York, wo seine Partnerin lebt, hin und her; er beobachtet und saugt auf, was ihm in beiden Welten begegnet – «New York ist auch eine Art Wildnis, einfach eine aus Stein» –, und lässt sich auch künstlerisch anregen: Im Moment, sagt er, schreibe er an einem Gangsterroman. Und könnte sich vorstellen, auch einen Wander- oder vielleicht eher: Flanier-Verführer für Manhattan zu verfassen. Das wäre dann sein zweites nichtliterarisches Buch.

Zunächst liegt jetzt aber das erste vor uns, der «Wanderverführer: Die schönsten Touren rund um Basel».

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