Therwiler Handschlag-Affäre

Syrer verweigert Handschlag auch im neuen Schuljahr – Kanton will ihn aber nicht büssen

Die Sekundarschule Känelmatt in Therwil.

Die Sekundarschule Känelmatt in Therwil.

Kein Ende in der Handschlag-Affäre von Therwil BL in Sicht: Auch im neuen Schuljahr verweigert der syrische Teenager seiner Lehrerin den Händedruck.

Die Therwiler Handschlag-Affäre beschäftigt die Baselbieter Behörden auch im neuen Schuljahr: Der Kanton hat im Zusammenhang mit der Weigerung zweier aus Syrien stammenden Brüder, weiblichen Lehrpersonen die Hand zu geben, ein Verfahren eröffnet.

Der ältere Bruder hat die Sekundarschule Therwil vor den Sommerferien abgeschlossen. Er könne wegen Verweigerung des Handschlags nicht mehr belangt werden, sagt Deborah Murith, Sprecherin der federführenden Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion (BKSD).

Der Therwiler Schüler Amer Salhani im Videobeitrag von AJ+.

Im «Al Jazeera»-Video: Muslimischer Schüler kann Zwang zum Händedruck nicht verstehen (6. Juli 2016)

Der Fall bleibt gleichwohl virulent: Der jüngere, 15-jährige Bruder ist eben in die 9. Klasse eingetreten – und verweigert den Handschlag weiterhin. Dies will BKSD-Sprecherin Murith zwar mit Hinweis auf das laufende Verfahren nicht bestätigen. «Es trifft weiterhin zu, dass der Händedruck gefordert wird», sagt sie einzig. Allerdings: Hätte der Junge in den Sommerferien seine Meinung geändert und würde nun zur Begrüssung die Hand geben, könnte der Kanton das Verfahren einstellen.

Zentralrat wartet mit Klage ab

Gemäss dem von der BKSD Ende Mai veröffentlichten Rechtsgutachten können die Baselbieter Schulen trotz der geltenden Religionsfreiheit den Händedruck einfordern; die zuvor an der Sek Therwil geltende temporäre Dispens wurde aufgehoben. Bei Zuwiderhandlungen kann der Kanton gemäss Bildungsgesetz drei Massnahmen ergreifen: ein disziplinarisches Schul-Time-out für den Schüler, eine Busse von bis zu 5000 Franken oder einen Schulverweis.

Doch bisher ist nichts passiert: Ein Time-out stehe beim verbliebenen Schüler derzeit nicht zur Diskussion, bestätigt Murith. Auch andere Massnahmen wurden keine getroffen: «Es liegt weder eine Busse noch eine Verfügung auf dem Tisch», sagt Qaasim Illi, Sprecher des umstrittenen Islamischen Zentralrats der Schweiz (IZRS). Dieser begleitete die beiden Schüler während der Mediation mit der Sek Therwil und unterstützt die Familie auch in juristischen Belangen. Aus Sicht des IZRS gebe es derzeit keinen Anlass, rechtlich aktiv zu werden. «Wir beobachten nun, wie die Behörden mit dem Fall umgehen», sagt Illi. Der IZRS strebe eine «gütliche Lösung» an. Noch vor den Sommerferien stellte der Zentralrat klar, dass er gegen eine Busse oder andere Massnahmen zum Nachteil der Schüler oder Familie rechtlich vorgehen würde. Ein Gang durch die Instanzen bis vors Bundesgericht wäre dann wahrscheinlich.

Kanton baut Druck auf

Derweil versucht der Kanton, noch auf anderem Weg die Schrauben anzuziehen: So sollen substanzielle Integrationsdefizite in der Schule, die Sanktionen wie die zuvor erwähnten nach sich ziehen, künftig zwingend dem Amt für Migration gemeldet werden. Dieses verfügt im Rahmen des Ausländerrechts über repressive Instrumente. Eine Vorlage an den Landrat sei in Vorbereitung, sagt BKSD-Sprecherin Murith.

«Ich denke nicht, dass wir da klein beigegeben haben»: Jürg Lauener, Rektor der Sekundarschule Therwil

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(Tele Züri, 4.4.2016)

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