Zwei Menschen, nichts mehr. Zwei Menschen sind genug, um aus der sparsam eingerichteten Bühne – ein Koffer voller Kleider auf dem Boden, eine Geige, die an einem Faden von der Decke herunterhängt – etwas Grösseres zu machen, einen onirischen Raum durch Sprache zu kreieren. Am Donnerstagabend feierte die Eigenproduktion «Fleisch und Blut» nach dem Roman von Susanna Schwager im neuestheater.ch in Dornach Premiere (Inszenierung: Hansjörg Betschart, Bühnenfassung: Hans J. Ammann).

In etwa anderthalb Stunden führen die Schauspieler Urs Bihler und Jara Bihler das Publikum an die Erinnerungen des Metzgers Hans Meister heran, Grossvater von Susanna Schwager – ein Mann, der zwischen 1913 und 2005 lebte, ein Mann aus einer anderen Zeit. «Manchmal frage ich mich schon, warum ich da bin», wundert sich Hans Meister (Urs Bihler). Eine Antwort liefert das Stück nicht. Hans Meister kam als Kind von Emmentaler Bergbauern auf die Welt. Der lebhafte Tierliebhaber, der später Metzger in Zürich wurde, musste die erste Tugend, die damals von Männern verlangt wurde, früh lernen: die Härte. Hart sein, um ein gerechtes Leben zu führen, hart sein, um überleben zu können.

Wie für einen Freund gemacht

Es ist kein bequemer Abend, sondern einer, der erzählt und hinterfragt, der sich erinnert und in die Zukunft schaut. Die Zukunft ist Sophie (Jara Bihler), die junge Tochter von Hans Meister, alles, was ihm von seiner Frau Hildi geblieben ist. Hans Meister und Sophie erzählen Ausschnitte aus einer fleissigen Existenz, die durch musikalische Intermezzi rhythmisiert wird. So dramatisiert Tschaikowskys «Schwanensee», der von Sophie gesungen und an der Geige gespielt wird, den Fall eines Schwans in die Arme des Hans Meister – gerade ihm musste ein Schwan in die Arme fallen, dem Tierliebhaber, der Metzger wurde und Tiere schlachtete.

Vater und Tochter erzählen die ganze Geschichte, ohne barmherzige Verschönerungen, ohne unehrliche Verdienste. Sie erzählen sie, wie man sie einem Freund erzählen würde. Sässe nur ein einziger Zuschauer im Saal – die Ereignisse würden in ihrer gnadenlosen Nacktheit, in ihrer dramatischen Wahrhaftigkeit genauso erzählt. Denn die Geschichte von Hans Meister ist eine Geschichte, die kein Vergeben zulässt. Für ihn ist keine Rehabilitation in Sicht, keine Rettung möglich. «Ich habe Hildi zu wenig Sorge getragen», sagt er. In Zürich vereinsamte seine Frau, wurde krank und verstarb. War es seine Schuld? Das Stück liefert keine Antwort. Meister ist dazu verdammt, mit dem ewigen Zweifel leben zu müssen. Er wird noch lange den anklägerischen Blick seiner Tochter aushalten müssen, sein erbarmungsloses Alter Ego, seine strengste Richterin, die ihn vor die eigene Vergangenheit stellt. Mit Wörtern wie Messer: «Mutter wurde zu klein, er zu gross. Sie verlöschte».

Auf der Bühne konfrontieren sich Vater und Tochter, kämpfen um die Wahrheit, umarmen sich, lachen, singen, tanzen und schreien, bis es nicht mehr geht, bis das letzte Detail draussen ist, bis über die letzte Erinnerung Rechenschaft abgelegt wurde. Am Ende stimmt alles und nichts, und man möchte das Leben des Hans Meister noch einmal Revue passieren lassen – man klammert sich verzweifelt an die Hoffnung, es sei doch eine Erlösung möglich, es stünde doch ein Vergeben in Reichweite. Und doch ist auch das Publikum am Ende des Stücks dazu verdammt, mit diesem Zweifel zu leben und seine eigene Geschichte auch Revue passieren zu lassen. Zwei Menschen, nichts mehr. Zwei Menschen sind mehr als genug.

Kommende Spieldaten: 5., 9., 10., 13. November. Wiederaufnahme im Januar, später in Aarau und Solothurn.