Vielleicht sitzt der Luchs gerade versteckt auf einem Baumstrunk und schaut dem Treiben zu. Mit seinen hervorragenden Augen und seinem scharfen Gehör kann er auch aus weiter Entfernung erspähen, was geschieht. Auch wenn man ihn nicht sehen kann, ist es gut möglich, dass er sich irgendwo in der Nähe befindet.

Mehrfach ist die Raubkatze hierhin zurückgekehrt, um von ihrer Beute zu fressen. Von der Rehgeiss, die oberhalb von Erschwil ihr Leben liess, ist nicht mehr viel übrig. Wie für einen Luchs typisch, begann er beim Hinterteil und frass sich nach vorne. «Das Filetstück hat er sich bereits geholt», scherzt Hans Wampfler.

Der Pensionär ist einer von drei Luchsverantwortlichen, die im Dorneck-Thierstein ausrücken, wenn der Verdacht besteht, dass die Katze zugeschlagen hat. Ist dem so, erstattet er Bericht an die Solothurner Jagdverwaltung, die dann den Riss an die Kora meldet. Bei der eidgenössischen Koordinationsstelle für Grossraubtiere mit Sitz in Muri bei Bern laufen die Fäden zusammen. Sie hat den Überblick über die Populationen der Raubtiere in der Schweiz.

Fotofallen sollen Hinweise auf die Anzahl der Luchse geben

Schon kurz nach dem Betreten des Waldstücks im Gebiet Äckeried steigt einem ein unangenehmer süsslicher Geruch in die Nase. Je weiter wir ins Innere des Waldes schreiten, desto penetranter stinkt es. Der Verwesungsgeruch ist mittlerweile kaum mehr auszuhalten.

Damit er ihn nicht riechen muss, zündet sich Reinhold Fringeli eine Pfeife an. Er mache das immer so, wenn er auf einen verwesenden Tierkörper stosse.

Der zuständige Wildhüter hat den Luchsverantwortlichen Hans Wampfler über das tote Reh informiert. Gemeinsam begutachten sie die Überreste des Beutetieres, das in einem tiefen Graben liegt. Normalerweise reicht ein ausgewachsenes Reh einem Luchs bis zu einer Woche. Aufgrund der enormen Hitze an diesen letzten Julitagen beginnt die Beute jedoch schneller zu stinken. Auch einem Luchs vergeht dann relativ bald die Lust, noch weiter zu fressen.

Hans Wampfler räumt am Tatort in Erschwil eine Fotofalle ein. Der gebürtige Diemtigtaler, dessen Berner Akzent noch immer deutlich zu hören ist, zieht aus dem Waldboden einen dicken Stock. An diesem ist eine gut getarnte grüne Kamera angebracht, die bei jeder Bewegung einige Fotos schiesst.

Solche Fallen dienen in der ganzen Schweiz dazu, nachzuweisen, wie viele Luchse wo umherstreifen. Dank der bei jeder Raubkatze individuellen Fellzeichnung kann man abschätzen, wie viele unterschiedliche Tiere in einem Gebiet unterwegs sind.

Beim ersten Besuch im Wald vor wenigen Tagen konnte der Luchsverantwortliche, der dieses Amt seit dem Jahr 2007 ausübt, eindeutig feststellen, dass die Raubkatze am Werk gewesen war. «Ein Luchs tötet seine Beute mit einem gezielten Kehlbiss. Am restlichen Körper findet man in den meisten Fällen keine Verletzungen», sagt Wampfler. Der Kopf und die Beine trenne er nicht ab. Oftmals decke die Katze das gerissene Tier mit Laub ab. All das sei hier der Fall gewesen.

Verwesungsgeruch bleibt noch einige Tage in der Nase

An den meisten anderen Tagen würde der Berner jetzt nach Hause nach Hofstetten-Flüh fahren, um sich dort die Bilder der Fotofallen anzuschauen. Heute jedoch hat er wenige Kilometer weiter westlich einen weiteren Einsatz.

Am Waldrand beim Büsseracher Reservoir entdeckten Fussgänger einen getöteten Rehbock. «Gestern Abend habe ich das Reh untersucht und festgestellt, dass es von einem Luchs gerissen wurde» sagt Wampfler. Um der Raubkatze auf die Schliche zu kommen, hat er auch hier eine Kamera installiert. Der prächtige Sommerbock wurde an einem stabilen Pfahl festgezurrt.

Das hielt den Luchs aber nicht davon ab, in der vergangenen Nacht zurückzukehren. Er versuchte erfolglos, den Kadaver die Böschung hinauf zu schleifen. Mit allen vier Beinen in der Luft liegt das Reh im hohen Gras – nur wenige Meter von einem Wanderweg entfernt.

Obwohl der Bock noch nicht lange tot ist, schwirren bereits zahlreiche Fliegen um den herausquellenden Magen. Es stinkt bestialisch, was dafür sorgt, dass der Verwesungsgeruch noch einige Tage in der Nase der Anwesenden bleiben wird. Der Luchsverantwortliche packt auch die zweite Kamera in seinen Rucksack.

Im nahegelegenen Restaurant Traube in Büsserach begutachten Hans Wampfler und Reinhold Fringeli die Aufnahmen der Fotofallen. Bei der Katze, die zuerst in Erschwil und später in Büsserach getötet hat, handelt es sich um dasselbe Tier.

«Die genaue Zahl der Luchse zu bestimmen, die in der Region lebt, ist unmöglich», sagt Wampfler. Mithilfe der Bilder der Fotofallen habe man in den vergangenen Jahren zehn bis zwölf verschiedene Luchse im Schwarzbubenland feststellen können. Seit er als Luchsverantwortlicher tätig sei, nehme er eine Zunahme der Tiere wahr.

Selbstverständlich macht die grösste Katze Europas aber nicht an Kantonsgrenzen Halt. Kommt noch hinzu, dass einige Tiere auch ins grenznahe Ausland wandern. Das letzte grosse Luchs-Monitoring der Kora im Referenzgebiet Jura Nord zwischen Tavannes im Berner Jura und dem Baselbieter Oltingen, stammt aus dem Frühjahr 2016. Damals wurde an 94 Standorten eine Fotofalle installiert, so konnten 15 unterschiedliche Luchse festgestellt werden.

Neuere Zahlen liegen noch nicht vor. Auf Anfrage erklärt jedoch Daniel Zopfi, Fachspezialist Jagd und Fischerei beim Amt für Wald beider Basel, es sei davon auszugehen, dass sich der Luchsbestand leicht erhöht habe. Das bisherige Monitoring und aktuelle Meldungen aus der Jägerschaft lassen darauf schliessen.

Stimmung in der Jägerschaft könnte langsam kippen

Auch wenn die genaue Anzahl Luchse in der Nordwestschweiz nicht feststeht, ist klar: Das Raubtier fühlt sich in der Region wohl und konnte sich vermehren. Die Präsenz des Luchses hat auch Auswirkungen auf die Jagd. «Die Rehe und Gämsen verhalten sich anders, seit die Raubkatze bei uns verbreitet ist», sagt Reinhold Fringeli, der selber Jäger ist. Die Beutetiere seien schüchterner geworden und würden sich eher zurückziehen. Die Stimmung in der Jägerschaft gegenüber dem Luchs sei noch immer grösstenteils positiv, hat Fringeli festgestellt. Sie könne jedoch schnell kippen, wenn das Raubtier überhandnehme.

Reinhold Fringeli hat im letzten Dezember selbst Erfahrungen mit einem Luchs gemacht. «Die Katze hat mir aus dem Stall meines Bauernhofs in Bärschwil eine Geiss geholt», erinnert er sich. Für die getötete Ziege erhielt er vom Kanton Solothurn eine finanzielle Entschädigung.

Kann einem einzelnen Luchs nachgewiesen werden, dass er mehrere Nutztiere gerissen hat, darf der Kanton eine Abschussbewilligung erteilen. In der Region ist das noch nie passiert.

Breitet sich der Luchs bei uns in den nächsten Jahren weiter aus, könnte es aber eines Tages dazu kommen. «Sollten Reh- und Gamswildbestände soweit dezimiert werden, dass sie in ihrem Bestand gefährdet sind, wird eine Regulation unbedingt nötig», sagt der Luchsverantwortliche und Jäger Hans Wampfler. Er hofft dies aber nicht: «Der Luchs ist ein wunderschönes Tier und er gehört hier hin.»