Nähkästchen

Heinz Lerf über zertrümmerte Gitarren und das Klischee des langweiligen Bankers

Heinz Lerf hat den Begriff "Vielseitigkeit" aus dem Nähkästchen gezogen.

Heinz Lerf hat den Begriff "Vielseitigkeit" aus dem Nähkästchen gezogen.

FDP-Landrat Heinz Lerf plaudert aus dem Nähkästchen. Das Gespräch fördert überraschende Facetten des bald höchsten Baselbieters zutage.

Heinz Lerf, welchen Begriff haben Sie aus dem Nähkästchen gezogen?

Heinz Lerf: Vielseitigkeit. Das passt. Ich darf von mir behaupten, dass ich vielseitig unterwegs bin. Neben meiner beruflichen Tätigkeit in einer Bank und der Politik ist meine Band und generell Musik sehr wichtig für mich. Zumindest einige Bankkunden reagierten überrascht, als sie mich auf einer Bühne sahen. Zudem bin ich seit Jahrzehnten ein begeisterter Sporttaucher mit aktuell über 1300 Tauchgängen.

Vielseitig will jeder sein. Sie kennen sicher das Klischee vom langweiligen Banker.

Dieses Klischee ist gerade mir als ehemaligem Mitarbeiter der Basellandschaftlichen Kantonalbank (BLKB) immer wieder begegnet. Mein Berufsstand wird oft unterschätzt. Ein guter Bankangestellter muss viel mehr können als mit Zahlen umgehen. Ich war über 20 Jahre lang als Kundenberater tätig. Das ist eine vielseitige Aufgabe, bei der man die unterschiedlichsten Menschen berät. Mit ihnen rede ich nicht nur über Hypotheken und Geldanlagen, sondern ich erfahre auch etwas über ihr Leben.

Sie wirken im Landrat stets gefasst. Wer Sie mal mit Ihrer Band Filet of Soul live gesehen hat, der weiss: Der Lerf kann ziemlich abgehen. Leben Sie auf der Bühne Ihre anderen Seiten aus?

Es ist ja nicht so, dass wir wie früher The Who Gitarren zertrümmern. Ich denke auch nicht, dass ich auf der Bühne eine andere Person bin. Aber klar: Wir wollen mit unserer Musik die Menschen berühren. Als Sänger zeige ich mich auf der Bühne unverstellt. In anderem Rahmen tat ich dasselbe bei der Bank. Authentizität weckt Vertrauen.

Wegen Corona konnten Sie zuletzt keine Konzerte geben.

Vergangene Woche sind wir das erste Mal wieder aufgetreten. Ein gutes Gefühl. Eine Woche zuvor haben wir in einer Halle ein Konzert ohne Publikum gespielt. Die Event-Firma unseres Drummers führte nach Monaten Funkstille einen Testlauf durch. Mit professioneller Beschallung, Licht, wie bei einem richtigen Konzert. Nur gabs am Ende der Stücke keinen Applaus. Das war schon irritierend.

Wie Fussballer beim Geisterspiel im leeren Stadion.

Wir haben das Konzert live gestreamt. Aber das ist nicht dasselbe. Die Interaktion mit dem Publikum fehlt. Würde Corona dazu führen, dass wir längere Zeit keine Konzerte mehr geben könnten... Ich weiss nicht, ob ich langfristig weiter spielen würde.

Sie sind selber fleissiger Konzertgänger.

In normalen Zeiten besuche ich Konzerte von Renaissance und Klassik bis zu Rock. Vor Jahresfrist war ich unter anderem bei Rammstein. Neben Bandkollegen werde ich ab und zu von meiner Tochter oder meinem Sohn begleitet. In meiner Jugend war es unvorstellbar, mit den Eltern an ein Rockkonzert zu gehen.

Apropos Rammstein: Kamen Sie sich zwischen tätowierten, schwarz gewandeten Jungen nicht deplatziert vor?

Schwarz gewandete Alte meinen Sie? Das Durchschnittsalter an Rockkonzerten ist mittlerweile recht hoch, wie mir etwa bei den Besuchen im Prattler Z7 auffällt.

Zu Ihrem neuen Amt: Werden Sie auch wegen Ihrer Vielseitigkeit Landratspräsident?

Davon bin ich überzeugt. Ich habe keine Berührungsängste und kann Menschen unterschiedlicher Couleur ansprechen. Das ist mir in Beruf und Musik zugutegekommen. Mein breites Netzwerk hat sich so ergeben. Ich zähle nicht zu jenen, die sich sagen: «So jetzt gehe ich aus dem Haus netzwerken.

Welche individuellen Akzente wollen Sie setzen?

Ich möchte den reich befrachteten Ratsbetrieb nicht überbeanspruchen, aber eine Idee hätte ich: Zu Beginn jeder Sitzung könnte ich aus einem Songtext, passend zu einem Geschäft, eine Passage zitieren. Mal sehen, was sich da machen lässt.

Zum Beispiel?

Als ich im Januar mit Berufskollegen meine Pensionierung feierte, zitierte ich die Doors: «This is the end, beautiful friend». Den kann ich als Einstieg in die kommenden Landratssitzungen natürlich nicht bringen. Ich werde im reichen Fundus der Rock- Klassiker aber sicher fündig.

Wie möchten Sie sonst den Ratsbetrieb prägen?

Genügend Platz einräumen für engagierte Debatten mit guten Voten. Der Ratsbetrieb muss auch effizient und gut strukturiert ablaufen. Eine Prise Humor darf durchaus dabei sein. Im ernsten Politbetrieb ist der ganz wichtig, da er auflockernd wirkt.

Humor ist nicht planbar.

Das ist so. Als Erster Vizepräsident war ich dafür verantwortlich, den Landräten das Wort zu erteilen. Als wir im Mai über Beiträge an regionale Landwirtschaftsprodukte debattierten, sagte ich: «Jetzt kommt jener Landrat an die Reihe, der von seinem Namen her der kompetenteste sein muss: Simon Ober-Beck.» Damit habe ich einige zum Lachen gebracht. Ich hoffe, das mir das auch in den kommenden Monaten gelingt.

Schmerzt es, dass Sie als erster Landratspräsident seit Jahrzehnten am Wahltag keine Feier abhalten dürfen?

Das Fest wird am 5. November nachgeholt. So gross ist der Schmerz nicht. Immerhin umweht das Ganze ein Hauch Exklusivität. Vorerst werde ich, da die Landratssitzung nächste Woche erneut im Congress Center Basel stattfindet, als einziger Landratspräsident ausserkantonal gewählt sein.

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