Oldtimer-Ausstellung

Ein Denkmal aus Holz für den Meister der schönen Blech-Karosserien

Die neue Oldtimer-Sonderausstellung im Muttenzer Pantheon widmet sich den einzigartigen Kreationen der legendären Schweizer Carrossiers Hermann Graber. Ein ehemaliger Mitarbeiter spielt dabei eine wesentliche Rolle.

Wer auf Hochglanz poliertes Blech gewohnt ist, staunt: Der heimliche Star der jüngsten Oldtimer-Ausstellung im Muttenzer Pantheon ist aus Holz; gut gelagertes Eschenholz, um genau zu sein. Es ist das Holzmodell eines britischen Alvis TF 21. Dieses dient als Anschauungsobjekt, wie Carrosseriebauer früher vorgegangen sind, wenn sie für Serien-Chassis grosser Hersteller eigene Aufbauten entwarfen.

Der unbestrittene Star der Branche

Der unbestrittene Schweizer Meister in der Herstellung solcher Einzelstücke war ein Berner. Hermann Graber (1904-1970) baute in seiner Werkstatt in Wichtrach über 800 Luxus-Fahrzeuge um, was weit über die Landesgrenzen hinaus für Aufsehen und gut zahlende Kundschaft sorgte. Der Innerschweizer Autokenner und Fotograf Daniel Reinhard nennt ihn «den Louis Vuitton des Blechkleids». Für Pantheon-Besitzer und Ausstellungsmacher Stephan Musfeld ist Graber der «stilsicherste Schweizer Carrossier». Die Idee, ihm eine eigene Sonderausstellung zu widmen, lag deshalb nahe.

Ausgangspunkt für jede Eigenkreation war ein Holzmodell im Massstab 1:1. Grabers Originale wurden nach seinem vorzeitigen Tod 1970 verbrannt. Wenn im Pantheon trotzdem eines gezeigt wird, ist dies in gleich doppeltem Sinne bemerkenswert: Nachgebaut hat es Werner Haas, der als Jungspund 1967 in Grabers Werkstatt eintrat. Wenig später wurde das letzte überhaupt vom Band gelaufene Alvis-TF21-Chassis nach Wichtrach zur Fertigstellung angeliefert.

Das Meisterwerk des ehemaligen Lehrlings

Fünf Jahrzehnte später hat Haas genau dieses Cabrio-Chassis aus Holz nachgebaut, an dem er bereits als junger Carrosserie-Spengler gearbeitet hatte. Entstanden ist das Holzmodell vorwiegend nach Gefühl und mit den Plänen im Kopf. Denn gelernt ist gelernt, sagt Reinhard über den jung gebliebenen Handwerksmeister, bei dem noch heute jeder Handgriff sitze. Auftraggeber für das Alvis-TF21-Cabrio war damals ein Industrieller aus der Chemiebranche, erläutert Stephan Musfeld. Das Originalfahrzeug ist eines jener 24 ausgestellten Originale, die den Kern von «Meisterwerke des Hermann Graber» bilden, der inzwischen 25. Sonderausstellung im 2008 eröffneten Pantheon.

Seinen ersten Aufbau fertigte der im väterlichen Betrieb ausgebildete Wagen- und Kutschenbauer bereits als 22-Jähriger für das Chassis eines Fiat 509 an. Später folgten Karosserien für vorwiegend französische und amerikanische Modelle, aber auch für italienische oder deutsche, manche davon preisgekrönt. In der Sonderausstellung werden unter anderen ein Hotchkiss AM 680 von 1937, ein Bugatti T57 von 1937 oder ein Dodge D11 von 1939 gezeigt. Aber auch viele grossformatige Fotos, Grabers riesiges Zeichenbrett und das schmiedeiserne Tor, das auf vielen Original-Werksfotos seiner Autos im Hintergrund zu sehen ist.

Durststrecke im Zweiten Weltkrieg

Nach der Durststrecke des Zweiten Weltkriegs - der Berner leistete seinen Aktivdienst als Lastwagenmechaniker - wandte sich Grabers Interesse immer stärker britischen Marken zu, wovon als frühes Ausstellungsbeispiel in Muttenz ein Bentley Mark VI von 1947 dient. Dass in den letzten Jahren vor Grabers Tod zahlreiche Alvis-Modelle zum Handkuss kamen, liegt an Grabers Rolle als Schweizer Alvis-Generalvertreter ab Mitte der 1950er-Jahre. 
Den Niedergang seiner Branche musste Graber nicht mehr miterleben.

Nach dem Systemwechsel von der Chassisbauweise zur selbsttragenden Karosserie liess die Automobilbranche individuellen Blechkünstlern wie Hermann Graber kaum noch eine Chance zur Existenzsicherung.

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