Augusta Raurica

Das einst umstrittene Clavel-Römerhaus feiert ein Jubiläum

Eine Schulklasse besucht das damals neue Römerhaus in Augusta Raurica, im Jahr 1956.

Eine Schulklasse besucht das damals neue Römerhaus in Augusta Raurica, im Jahr 1956.

Vor 65 Jahren öffnete das Römerhaus von Augusta Raurica seine Türen. Trotz seiner anhaltenden Popularität ist es ein Auslaufmodell.

Ein echtes Jubiläum ist es nicht und unter den aktuellen Umständen auch gar nicht öffentlich begehbar. Bemerkenswert ist es trotzdem: Vor 65 Jahren übergab Stifter René Clavel in Augusta Raurica das Römerhaus der Öffentlichkeit. Laut damaligen Berichten drängelten sich am 9. April 1955 über 600 Interessierte in der Rekonstruktion. Der Kanton Baselland hatte für seinen kulturellen Leuchtturm eine neue, öffentlichkeitswirksame Attraktion erhalten, die zwei Jahre später mit dem Museumsanbau erweitert wurde.

Nach einem Umbau 2010 durch das Basler Büro Salathé Architekten, bei dem unter anderem der Eingangsbereich neu gestaltet und der Kassenschalter seitlich eingebaut wurde, erhielt das Gebäude-ensemble die heutige Form. Mit allen baulichen Veränderungen ging eine laufende Anpassung an aktuelle Besucherbedürfnisse einher. 2019 verzeichnete Augusta Raurica 44000 Eintritte in Römerhaus und -museum. Heutzutage wird besonderer Wert darauf gelegt, dass alle Haushaltsgegenstände angefasst, die Möbel genutzt, römische Kleidung ausprobiert oder Brettspiele am Esstisch gespielt werden dürfen.

Inspiriert von einem Augenschein in Pompeji

Es heisst, Clavel habe sich bei einem Besuch von Pompeji und Herculaneum die Inspiration geholt, in Augusta ebenfalls ein Römerhaus nachzubauen. Seit 1918 konnte der reiche Riehener Chemiker und Antikenfreund von seiner Sommerresidenz-Villa auf Castelen das Gelände der Römerstadt überblicken. Doch irgendwie fehlte ihm in Augst ein Ort, an dem die römische Alltagsgeschichte plastisch erlebbar war. Die von ihm initiierte und noch heute quicklebendige Stiftung Pro Augusta Raurica kaufte das neben dem Theater liegende Gelände und erstellte dank Clavels Mittel und Gelder aus einer öffentlichen Sammlung eine «Domus Romana». Das Römerhaus fungierte fortan als Besucherzentrum der Römerstadt, deren Besichtigung für Baselbieter Schülerinnen und Schüler zum festen Ausflugsprogramm avancierte.

Der Chemiker und Weltenbummler René Clavel - hier im Garten seiner Villa «Castelen» in Augst - liebte die römische Kultur und stiftete das Römerhaus in Augusta Raurica.

50 Jahre Domus Romana Römerhaus in Augusta Raurica

Der Chemiker und Weltenbummler René Clavel - hier im Garten seiner Villa «Castelen» in Augst - liebte die römische Kultur und stiftete das Römerhaus in Augusta Raurica.

Ursprünglich hätte Clavel analog seinen Vorbildern lieber den Typus römische Stadtresidenz nachgebaut gesehen. Es kam anders: «Rudolf Laur-Belart, Professor an der Universität Basel und zuständig für die Ausgrabungen in Augusta Raurica, konnte ihn davon überzeugen, nicht eine pompejanische Stadtvilla zu bauen, sondern ein vornehmes Stadthaus, wie es in Augusta Raurica hätte gestanden haben können,» schrieb Forscher Beat Rütti zur 50-Jahr-Feier 2005. Der Begeisterung Clavels tat dies keinen Abbruch: Das Römerhaus «soll dem Besucher das Leben und Treiben dieses fortgeschrittenen Volkes vor Augen führen, dem wir zum grossen Teil unsere Kultur und Rechtspflege verdanken», betonte er in der Stiftungsurkunde von 1955.

«Schärbe-Tämpel» für den «Prinz vo Riehe»

Das Vermögen, das der Textilchemiker mit seinem Patent auf ein Färbverfahren von Kunstseide gemacht hatte, erlaubte es ihm, bis zu seinem Tod 1969 und darüber hinaus als wohl bedeutendster Mäzen von Augusta Raurica zu wirken. Diese Vernarrtheit in die Antike konnte neben aller Anerkennung aber durchaus auch bissige Kommentare hervorrufen: So ätzte die Basler Lälliclique an der damaligen Fasnacht über Clavel, der «Prinz vo Riehe» habe in Augst einen «Schärbe-Tämpel» errichtet und komme sich nun wie ein Cäsar vor.

Im Rückblick sind Clavels Leistungen und Einsatz unbestritten. Römerhaus wie das dem Kanton Baselland vermachte Castelen-Anwesen stellen gern genutzte Kulturorte im Landkanton dar. Auf gewisse Weise ist das Römerhaus trotzdem ein Relikt der Vergangenheit: Ein Nachbau eines antiken Gebäudes wäre heute undenkbar – nicht nur aus finanziellen Gründen. «Eine bauliche Rekonstruktion, etwa eines Tempels, spielt in unseren Planungen und Überlegungen keine Rolle», bestätigt Römerstadt-Leiter Dani Suter.

Virtuelle Realität statt Nachbau aus Stein und Holz

Stattdessen macht die technische Entwicklung, das «Erlebnis Augusta Raurica» virtuell mit höchstem Detaillierungsgrad zugänglich; oder aber in Form von Modellen wie der in Bronze gegossenen Stadtansicht. Als jüngstes Beispiel einer Virtual-Reality-3D-Rekonstruktion nennt Suter die Animation über das Amphitheater von Augusta Raurica.

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