Porträt

Zwischen Basel und Tansania: Diese Frau kämpft gegen das Coronavirus

Forscherin und Ärztin Maja Weisser testet in Basel Therapien gegen Covid-19.

Forscherin und Ärztin Maja Weisser testet in Basel Therapien gegen Covid-19.

Maja Weisser kämpft in der Schweiz gegen die Pandemie. Aber eigentlich wäre sie jetzt in Afrika.

Das Coronavirus ist eine Bewährungsprobe. Ein Kräftemessen zwischen Krankheit und Medizin. Für die Pflegekräfte in den Spitälern, für Ärzte und Wissenschafter in der Forschung, für die Gesellschaft. Und für Maja Weisser, auch wenn sie es selbst vermutlich nie so nennen würde. Sie ist Kaderärztin am Universitätsspital Basel, hat einen Professorinnentitel. Gerade jetzt, in der Zeit des Coronavirus, ist sie an vorderster Front dabei. Als Teil der Abteilung Infektiologie und Spitalhygiene ist das Virus allgegenwärtig.

Weisser hat viele der mit Covid-19 infizierten Patienten gesehen, die im Unispital betreut wurden. Tag für Tag erscheint die 51-Jährige zur Arbeit, schlüpft in ihre Arbeitskleidung, hängt sich das Stethoskop um den Hals und schützt sich mit einer Atemschutzmaske. Nebenbei forscht Weisser zusammen mit ihrem Team an neuen Möglichkeiten, wie man dem Coronavirus entgegentreten könnte.
Für das Gespräch hat sie ein kleines Behandlungszimmer in der Poliklinik im Unispital reserviert. Kahle Wände, kaum Raum, um einander aus dem Weg zu gehen. Mit der Atemschutzmaske über dem Mund sitzt Weisser auf einem Hocker mit Rollen. Einzig die wachen, blauen Augen und die sanften Handbewegungen unterstreichen ihre ruhigen Erzählungen.

Politische Unruhen, Ächtung und Hunger

Eigentlich wäre sie jetzt auf der anderen Seite des Äquators. Eigentlich würde sie dort eine Klinik leiten, die «Chronic Disease Clinic» im St. Francis Referral Hospital in Ifakara – ein Ort mit 46‘000 Einwohnern. Eigentlich würde sie dort Patienten mit HIV betreuen. Doch das Coronavirus hat ihr und ihrem Mann, der ebenfalls im St. Francis Referral Hospital arbeitet, einen Strich durch die Rechnung gemacht. Das Paar hatte es noch knapp vor Beginn der Krise zurück nach Basel geschafft.

Nun sind sie täglich über Videotelefonie und Chats in Kontakt mit ihrem Team in Tansania. Während in Basel mittlerweile Kritiker des Lockdown auf die Strasse gehen und eine Rückkehr zum Status quo verlangen, fürchten die Menschen in Tansania um ihr Leben. Weisser kennt die Ängste: «Die Menschen wollen nicht getestet werden, da sie befürchten, dann geächtet zu werden.» Das führe dazu, dass sich Personen mit Symptomen nach Hause zurückziehen und sich nicht behandeln lassen. Dazu kommen politische Anspannungen vor den Wahlen sowie die Angst vor einer Hungerkrise im fünftgrössten Land Afrikas – mit 56,3 Millionen Einwohnern.

Weissers medizinische Karriere begann klassisch. Studium an der Universität Basel, verschiedene Stellen an Schweizer Spitälern, mittlerweile seit 2001 mit wenigen Unterbrüchen angestellt am Basler Unispital. Vor fünf Jahren folgte dann das Abenteuer. Weisser entschied sich, die Leitung der «Chronic Disease Clinic» in Tansania zu übernehmen. Sie will etwas beitragen, etwas abgeben. «Hier haben wir ja alles im Überfluss», so Weisser. Die Klinik wurde 2005 gegründet, als erste ländliche Klinik, die sich an HIV-Patienten richtet. Ursprünglich war sie eine Unterstützung für das tansanische AIDS-Kontrollprogramm. Unterdessen werden dort alle Patienten mit HIV betreut, darunter auch schwangere Frauen und Kinder sowie Patienten mit Tuberkulose. Das Schweizer Tropeninstitut in Basel und die Universität Basel haben die Klinik mit Unterstützung des Kantons Basel-Stadt aufgebaut und sind langjährige Partner.

Zwei Jahre im tropischen Klima

Zwei Jahre lang leitete Weisser die Abteilung vor Ort. Über 10'000 Patienten wurden dort bisher behandelt. Rund 4500 Personen werden regelmässig untersucht. Seit drei Jahren pendelt sie zwischen der Schweiz und Tansania.

Zwei Monate hier, zwei Monate dort. Ist das nicht anstrengend? Weisser überlegt eine Sekunde und sagt: «Nein, es ist, als würde ich beim Einsteigen ins Flugzeug einen Schalter umlegen.» In Tansania ist Weisser nicht an der Front tätig, wie sie sagt. Vielmehr gehöre es zu ihren Aufgaben, das Team aus einheimischen Ärztinnen und Ärzten zu unterrichten, anzuleiten und zu führen. Jetzt, während Weisser ihr Team nur aus der Ferne betreuen kann, versucht sie mit ihren Beziehungen, genügend Schutzmaterial wie Plastikhandschuhe und Atemschutzmasken für die Ärzte vor Ort zu beschaffen. «Die Schweiz ist eines der Länder, das am meisten Personen auf das Coronavirus testet. Denn in der aktuellen Situation ist es am wichtigsten, Gewissheit schaffen zu können. In Tansania findet das aber nur sehr wenig statt», sagt Weisser. Das beschäftigt sie. Nicht die Coronakrise an sich. Weisser sagt nämlich: «Manchmal fällt einem das Arbeiten in einer Krise gar einfacher, da der Fokus klarer ist.»

Einer, der Maja Weisser schon länger kennt, ist Niklaus Labhardt. Er arbeitet mit ihr in der Abteilung Infektiologie und Spitalhygiene am Basler Unispital und ist Forschungsgruppenleiter beim Schweizer Tropeninstitut. Labhardt konzentriert sich auf Forschung im südafrikanischen Land Lesotho, kennt aber auch Weissers Arbeit in Tansania. Er sagt: «Was sie ausmacht, ist eine gesunde Mischung aus medizinischer Exzellenz und Pragmatismus.» Weisser stehe mit beiden Füssen auf dem Boden und habe zu Anfang ihrer Zeit in Tansania allen gezeigt, dass sie auch die undankbaren Teile der medizinischen Arbeit nicht scheut. «So hat sie sich den Respekt ihrer Teammitglieder erarbeitet und wurde fast schon natürlich zur Führungsfigur», so Labhardt weiter. Für die Arbeit an HIV-Patienten in Afrika nahm Weisser einen Karriereunterbruch in Basel in Kauf. Das zeige, sagt Labhardt, dass ihr der Inhalt ihres Jobs wichtiger als ein Titel sei. «Mit ihrem Humor, der Selbstironie und Gelassenheit kommt sie sowohl in Basel als auch in Tansania sehr gut zurecht.»

Hoffen auf den «Game Changer»

Den Fokus und die unerwartete Zeit in der Schweiz nutzt Weisser nun für die Forschung – die bestenfalls dazu dienen soll, die Coronakrise abzumildern. Sie gehört zur interdisziplinären Forschungsgruppe um Manuel Battegay, Andreas Buser, Nina Khanna und Andreas Holbro, die als erste in der Schweiz mit der sogenannten Plasmatherapie von Covid-19-Patienten begonnen hat. 13 Patienten wurde bisher am Unispital aus dem Blut eines genesenen Patienten Plasma verabreicht. Damit erhofft man sich eine Besserung des Krankheitsverlaufs bei einer Infektion mit dem Coronavirus.

Die ersten Tests seien gut verlaufen, sagt Weisser. Dennoch könnten mit lediglich 13 Patienten keine repräsentativen Aussagen über die Wirksamkeit gemacht werden. Das Unispital und damit auch die Forschungsgruppe würden sich aber um eine internationale Zusammenarbeit bemühen. Weisser: «Es braucht 400 bis 600 Patienten, um zu beweisen, ob die Therapie Sinn macht.» Nichtsdestotrotz ist die Ärztin der Überzeugung, dass erst ein Impfstoff gegen Covid-19 der «Game Changer» sein wird.

Da summt auch schon ihr Smartphone. Weisser zieht das flache Gerät aus der Hülle, gefertigt aus einem bunt gemusterten Stoff, die in ihrer Brusttasche steckt. Die Arbeit ruft. Covid-19-Patienten hat es mittlerweile zwar kaum mehr im Unispital, die Forschung geht jedoch weiter. Angst um sich selbst und ihre Gesundheit hatte Weisser in den vergangenen Wochen nie. «Im Spital sind wir so sicher, wie vermutlich nirgends sonst. Zudem ist es ein Privileg, in einem solchen Land wie der Schweiz zu arbeiten. Ich schätze es sehr, wie die Schweiz mit der Krise umgeht», sagt Weisser, bevor sie sich im Empfangsbereich der Poliklinik verabschiedet und zwischen Ärzten, Pflegepersonen und Patienten verschwindet.

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