Besuch

Zwei Tage lang brachte er Weisheit und Charisma nach Basel

7'500 Zuhörer strömten in die St. Jakobshalle. Erwachsene hielten die Ausführungen des Dalai Lama inihren Notizbüchernfest und Kinder sprangen lauthals durch die Publikumsreihen.

An Stelle des prunkvollen Throns steht ein gepolsterter Korbstuhl. Wo am Morgen Mönche beteten, singen und tanzen Mitglieder einer tibetischen Folkloregruppe. Sie wiegen sich im Takt der Musik, pressen die Handflächen vor der Brust aneinander und strecken kämpferisch die linke Hand in Luft. «Das ist ein tibetisches Kinderlied zu Ehren von Eltern oder Autoritäten», raunt der tibetische Sitznachbar.

Der farbenfrohe Auftritt steht wegweisend für den zweiten Programmpunkt des Tages. Was auf dem Papier eher spröde klingt, nämlich «Vortrag über säkulare Ethik», stellt sich als eine kurzweilige Stunde der Philosophie heraus. «Ich spreche jetzt nicht mehr als buddhistischer Mönch, sondern als einfacher Mensch zu ihnen», sagt der Dalai Lama zu den 7'500 Zuhörern in der St. Jakobshalle. «Wäre ich ein göttliches Wesen, hätte ich ja keine Probleme mit meinen Knien, oder?» Regungslos schaut er in die Halle, bevor sein berühmtes Lachen erklingen lässt.

In seinem Vortrag geht es dem Dalai Lama insbesondere um die eigene Geisteshaltung und die Bedeutsamkeit der inneren Werte. Es gelte, so der Dalai Lama, die menschliche Intelligenz zu nutzen, um auch in Schwierigkeiten eine positive Sichtweise zu entwickeln. Dies ist für ihn eine zentrale Fähigkeit in der Bildung und Erziehung von Kindern. «Seit über 30 Jahren bin ich im Gespräch mit Hirnforschern, Pädagogen und anderen Experten. Wir stimmen überein, dass die inneren Werte zu wenig gefördert werden und der Fokus zu stark auf Äusserlichkeiten gelegt wird», sagt der Dalai Lama. Es gelte, die Gleichheit aller Menschen zu leben und keine Unterschiede zu betonen. Auch keine religiösen.

Demonstrationen gegen ihn

Kurz darauf holen den Dalai Lama die Differenzen innerhalb des eigenen Glaubens ein. Bei den Publikumsfragen beginnt ein Mann den Satz mit: «Millionen von Shugden...» Dann dreht ihm der Sicherheitsdienst das Mikrofon weg und setzt ihn vor die Tür der St. Jakobshalle. Seit dem Samstagmorgen trommeln dort in eisiger Kälte die Mitglieder der buddhistischen Shugden-Gemeinde. Sie werfen dem Dalai Lama Diskriminierung und Ausgrenzung vor – das besingen sie einem Mantra gleich vis-à-vis der St. Jakobshalle. Der innerbuddhistische Konflikt basiert auf der Verehrung eines bestimmten Schutzgeistes der Shugden, wozu der Dalai Lama abrät. «Der Dalai Lama will, dass seine Leute die Shugden meiden. Plausible Gründe hat er dafür aber keine», sagt ein Demonstrant der Shugden-Gemeinde. Er steht hinter der Wand aus Schildern. Zwischen ihm und den Besuchern des Dalai Lama-Anlasses liegt die Einfahrt einer Unterführung.

Der Dalai Lama selber betonte vor der Presse die Wichtigkeit der Meinungsfreiheit. Nach dem Vorfall in der St. Jakobshalle erklärt er: «Für mich gibt es deutliche Anzeichen, diesen Schutzgeist abzulehnen. Wie andere Menschen darüber denken, ist aber ihre Angelegenheit.»

Ein Lied für einen Regierungsrat

Es ist dieser kurze Moment der Zensur, der den inneren Frieden in der St. Jakobshalle überschattet. Ansonsten waren die zwei Tage geprägt von einer festlich-fröhlichen Stimmung. Während die Erwachsenen eifrig die Ausführungen des Dalai Lama in ihren Notizbüchern festhalten, springen die Kinder lauthals durch die Publikumsreihen. Auf den Gängen mischen sich traditionell angezogene Tibeter mit europäischen Gästen. Zwischen ihnen schwirren Sprachfetzen in Englisch, Französisch, Deutsch und Tibetisch. «Auch als Nicht-Buddhisten dürfen wir an all den Ritualen teilnehmen. Diese Offenheit beeindruckt mich sehr. Zudem findet sich hier keine aufgesetzte Frömmigkeit», sagt eine Besucherin aus Liestal. Für sie sei es ein grosses Geschenk, den Dalai Lama live zu erleben: «Er ist ein älterer Mann, und eine gewisse Gebrechlichkeit ist da.»

Der Dalai Lama feiert in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag. Dennoch war seine Agenda dieses Wochenende wie jene eines jungen Showstars ausgebucht. Unzählige Hände hat er geschüttelt und seine Anhänger mit weisen Worten und seinem Charisma entzückt. Daneben fand er sogar noch Zeit für ein Ständchen: Beim Essen mit der Basler Regierung erfuhr er, dass Regierungsrat Baschi Dürr Geburtstag hatte. Flugs gratulierte seine Heiligkeit dem Sicherheitsdirektor nicht nur, sondern stimmte auch gleich ein «Happy Birthday» an.

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