Basel
Zoo-Techniker: «Habe einmal das Skelett einer Schlange gefunden»

Elektromonteur Daniel Ammann kennt jeden Schacht unter dem Basler Zolli. Er kriecht in die dunklen Löcher - trotz Platzangst.

Muriel Mercier
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Nicht in alle Schächte passt Daniel Ammann so gut rein wie in diesen: «Ich darf nicht zunehmen.»
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Dieses Loch führt in einen Hohlraum.
Der Irrgarten unter dem Zoo
Regelmässig testet er mit diesem Messgerät den Kalkgehalt im Wasser der Aquarien.

Nicht in alle Schächte passt Daniel Ammann so gut rein wie in diesen: «Ich darf nicht zunehmen.»

Nicole Nars-Zimmer

Er ist eng. Zurückschauen geht nur unter akrobatischer Höchstleistung. Aber Daniel Ammann kennt es nicht anders. Er schnappt sich den Schraubenzieher, stemmt sich hoch und kriecht langsam in den schmalen Schacht hinein. An der Wasserleitung stimmt etwas nicht, er muss sie überprüfen. Zum Glück gibt es mittlerweile Licht im etwa 200 Meter langen Schacht, der unter dem Aquarium beginnt, zum Australis-Haus mit seinen Kängurus und bis zum Kinder-Zolli führt. Ammann setzt sich so bequem wie möglich neben das Wasserrohr und sucht nach dem Leitungsproblem.

Der gelernte Elektromonteur ist im Vivarium zuständig für Wasserqualität, Elektronik und Technik. Ein Mal im Monat untersucht er das Wasser in den Aquarien. Jedes Schaubecken habe seinen eigenen Charakter, sagt er. Neben den Meer- und Süsswasserfischen schwimmen auch Tiere in weichem Wasser. Zudem sind die Wassertemperaturen unterschiedlich und die Nitratbelastung muss stimmen. Es gebe Monate, da sei alles in Ordnung. «Aber manchmal muss das Wasser ausgewechselt werden.» Es kann zum Beispiel sein, dass er tote Materie findet.

Über Schleichwege zur Quelle

Der 40-Jährige arbeitet jeden Tag im Untergrund des Basler Zoos. Die Anzahl Hohlräume, die unter dem Park liegen, sind immens. Die Basis von Ammanns Arbeitsplatz ist das Aquarium – ein Irrgarten. Im 2002 hat er den Elektromonteur-Job übernommen und sollte sich eigentlich unterirdisch langsam auskennen. Doch weit gefehlt: «Ich entdecke heute noch Orte, Schächte und Türen, die ich noch nie zuvor gesehen habe.» Das Haus ist verwinkelt gebaut, immer wieder trifft er auf Zwischenböden, die man nicht erreichen kann, weil die Distanz zu ihnen zu gross ist.

Ammanns Vorteil seiner 13 Jahre im Zolli-Untergrund ist, dass er mittlerweile viele Schleichwege kennt. «Ich weiss, wo welche Wasserleitung durchführt, und kann mir so zusammenreimen, wie ich auf einem anderen Weg dorthin komme, wo ich hin muss, sollte der direkte nicht funktionieren.» Ein Beispiel: Vor nicht langer Zeit gab es einen Leitungsbruch unterhalb eines Reptilienkäfigs. «Der Hohlraum darunter war zu hoch. Ich habe zwar gesehen, dass das Wasser rinnt, bin aber nicht reingekommen. Da ist mir der Hauptwärterraum eingefallen.» Über diesen habe er eine Möglichkeit gefunden, an die Quelle des Problems zu gelangen.

Geckos in den Schächten

Und der Elektromonteur hat noch so manch anderen Trick auf Lager: Muss er einen unerreichbaren Hohlraum über seinem Kopf prüfen, bohrt er ein Loch in den Beton und steckt eine Kamera hindurch. Wie in einem Hollywood-Film, in dem eine Räuberbande einen Banksafe ausraubt.

Ammann ist begeistert von seiner Arbeit, immer wieder erwähnt er in seinen Ausführungen, wie abwechslungsreich und spannend sich seine Tage gestalten. Und das, obwohl er auch unangenehme Situationen erlebt. «Ich habe in einem Schacht mal ein Schlangenskelett gefunden. Man hat mir dann erzählt, in den 70er-Jahren sei eine abgehauen.» An die anderen tierischen Begegnungen hat er sich gewöhnt. Es ist nämlich nichts Besonderes, in den Schächten zwischendurch auf Lebendiges zu treffen. «Es gibt Geckos, die hier leben. Immer um etwa 19 Uhr ruft einer durch die Schächte. Ihn kenne ich mittlerweile.»

Er kriecht trotz Platzangst

Wenn man weiss, dass Ammann viel Zeit in den engen, dunklen Löchern verbringt, erstaunt eine Tatsache besonders: «Ich habe Platzangst.» Er habe gelernt, damit umzugehen. «Es ist eine mentale Angelegenheit. Ich beruhige mich selber, bis die Panik vorbei ist», sagt er. «Je nach Schacht, in den ich krieche, informiere ich meine Kollegen. Damit sie wissen, wo ich bin, wenn ich länger nicht auftauche», sagt er schmunzelnd. Zum Teil sind die Höhlen so eng, dass Ammann nur knapp reinpasst: «Zum Glück laufe ich Marathon. Ich darf nicht zunehmen, sonst passe ich nicht mehr in alle Schächte.»

Ammann arbeitet seit 1997 im Zolli und hat hier die Ausbildung als Tierpfleger absolviert. Bevor er als Monteur im Aquarium gelandet ist, war er im Bären-Dienst eingeteilt. «Ich habe gerne Tiere. Tiere sind das Eine. Aber wenn man vor einem Eisbär oder Braunbär steht, löst das mulmige Gefühle aus.»

Wenig Sonnenlicht

Im Jahr 2002 wechselte Ammann seine Aufgabe: vom Tierpfleger zum Elektromonteur – und damit zum Mädchen für alles hinter den Kulissen. Ein Arbeitskollege und er waren die ersten Elektromonteure im Zolli. Vorher habe man bei elektronischen Problemen immer externe Firmen angefragt. Ammann und sein Arbeitskollege hatten also von Anfang an viel zu tun. Immerhin ist das Aquarium 40 Jahre alt. «Nach etwa 20 Jahren werden die Kunststoffröhren eigentlich brüchig.» Auch heute noch stellt Ammann leidenschaftlich gerne kleine Filter für Aquarien her. «Das Vivarium ist wie ein Kind für mich. Das Haus braucht Pflege», sagt er.

Sonnenlicht bekommt Ammann selten zu Gesicht. Und in seinen Schächten arbeitet er alleine. Depressiv ist er deswegen aber nicht, wie er betont. «Ich bin ein Einzelgänger. Und wenn man seinen Job gerne macht, geht es einem doch gut.» Zudem arbeite er gerne mit Tieren. «Ich habe heute nicht mehr denselben engen Kontakt zu ihnen, wie damals zu den Bären. Aber ich arbeite für sie», sagt Ammann und fügt an: «Und das ist mir auch viel wert.»

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