Studien
Wohnen im Alter: «Alle sind gefordert»

Angelehnt an eine Energieabgabe könnte sich Metrobasel-Chefin Regula Ruetz auch Bausubventionen für altersgerechtes Wohnen vorstellen. Die öffentliche Hand könnte so gar Geld sparen.

Stefan Schuppli
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Hindernisfrei: Die neu erstellte altersgerechte Siedlung Rösmatt in Rodersdorf. Martin Töngi

Hindernisfrei: Die neu erstellte altersgerechte Siedlung Rösmatt in Rodersdorf. Martin Töngi

Martin Toengi

Alter, Gesellschaft, Wirtschaft: Auch für den «Thinktank» Metrobasel ist das ein grosses Thema. Gemäss seiner Aufgabe überträgt er dieses auf die Entwicklung der Region Basel. Wo liegen in unserer Region die Probleme, wo müssen wir handeln, welche Lösungswege sollen wir einschlagen?

Die älter werdende Gesellschaft hat Auswirkungen auf verschiedenste Bereiche, soziale, wirtschaftliche und politische. Metrobasel hat deshalb drei Studien verfasst, dies unter namhafter Beteiligung von Fachhochschulen und spezialisierten Fachkräften.

Tagung

Alter und Arbeitsmarkt

Das Basel Economic Forum 2016 befasst sich an der Tagung mit Themen um den Arbeitsmarkt und der «Aging Society». Der demografische Wandel hat dazu geführt, dass schon heute mehr Fachkräfte aus der Erwerbstätigkeit austreten, als Jüngere in die Berufswelt einsteigen. Die Wirtschaft sieht sich deshalb in den kommenden Jahren mit einem Fachkräftemangel konfrontiert. Das Fachwissen und die langjährige Erfahrung älterer Arbeitskräfte sind eine wichtige und wertvolle Ressource, welche es deshalb unbedingt länger zu nutzen gilt. An der Tagung kommen zahlreiche Referentinnen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zu Wort. Mit Diskussionen und fachspezifischen Interviews.

Veranstalter: Thinktank Metrobasel. Freitag, 18. November 2016, 8.30 Uhr.
Novartis Campus, Fabrikstrasse 2, Basel. Kosten inkl. Verpflegung: 490 Franken (ab 13.30 Uhr: 300 Franken). www.baseleconomicforum.ch

Die erste Studie untersucht, wie die Region hinsichtlich Wohnen im Alter aufgestellt ist. Gibt es genügend Angebote, um die Nachfrage decken zu können? Die Antwort ist: nein. Das zeigte kürzlich der Aufmarsch von mehreren hundert Zuhörerinnen und Zuhörern an einer Informationsveranstaltung von Metrobasel in Binningen. Thema: Wohnen im Alter. Davon handelt auch das nachfolgende Interview mit Metrobasel-Direktorin Regula Ruetz.

Die zweite Studie befasst sich mit der Arbeitswelt. Schon heute treten mehr Fachkräfte in das Pensionsalter über, als junge Fachkräfte in die Erwerbstätigkeit eintreten. Der Fachkräftemangel wird sich in den kommenden Jahren verstärken. Wollen wir nicht, dass ganze Abteilungen ins Ausland abwandern, müssen wir das Know-how und die Arbeitskraft der Älteren besser und länger nutzen können. Das Basel Economic Forum vom 18. November wird sich eingehend mit diesem Thema befassen.

Die dritte Studie befasst sich mit der Betreuung. 60 Prozent der Betreuungsarbeit wird von Frauen geleistet. Wer würde die Betreuung übernehmen, wenn diese Frauen für die Pflegedienstleistungen nicht mehr zur Verfügung stünden? Und wer würde die Betreuung durch Dritte bezahlen?

In Ihrer Studie zum Wohnen im Alter stellen Sie fest, dass in Baselland und im Fricktal der Mangel an altersgerechten Wohnungen besonders hoch ist, höher als in Basel. Warum das?

Regula Ruetz: Das hat sowohl mit der Bevölkerungs- als auch der Siedlungsstruktur zu tun. Im Kanton Baselland nimmt die Gruppe der über 65-Jährigen in den kommenden Jahren um 9 Prozent, im Fricktal um bis zu 15 Prozent pro Jahr zu, in Basel nur um 1 Prozent. Im Baselland und im Fricktal wurden zwischen 1960 und 1980 viele nicht altersgerechte Einfamilienhäuser gebaut. Dort gab es noch erschwingliches Bauland. Viele der heute über 65-Jährigen konnten sich damals ein Einfamilienhaus auf dem Land leisten. Heute leben über 40 Prozent dieser Altersgruppe in kaum hindernisfreien Einfamilienhäusern. Bei den über 80-Jährigen sind es immerhin noch 35 Prozent.

Der Mangel an altersgerechtem Wohnraum ist also in gewissem Sinne eine Folge der Siedlungsstruktur?

Ja. Agglomerations- und Pendlergemeinden werden in den kommenden Jahren stärker von der demografischen Alterung betroffen sein. Sie sind hinsichtlich der Verfügbarkeit von altersgerechten Wohnungen schlechter aufgestellt als Zentren, insbesondere als die Stadt Basel. Einfamilienhäuser sind meist nicht altersgerecht. Sie liegen vielfach ausserhalb des Zentrums und sind deshalb schlecht durch den öffentlichen Verkehr (öV) erschlossen und auch nicht in Gehdistanz zu Nahversorgungsangeboten wie Einkaufsläden. Zudem sind sie grösser, nicht hindernisfrei, haben einen arbeitsintensiven Garten und Treppen, welche die Stockwerke verbinden. In Binningen beispielsweise beträgt der Anteil an Einfamilienhäusern in Relation zu kleineren Ein- bis Dreizimmerwohnungen etwa 45 Prozent. In Basel sind es lediglich 8 Prozent. Mehrfamilienhäuser liegen grossenteils in Zentren und in der Nähe von öV-Haltestellen.

Wohnen – Altersgerecht.

Empfehlungen

Diese Punkte sollten bei altersgerechten Wohnungen oder Siedlungen punkto Architektur und Infrastruktur erfüllt sein:

- Günstige Lage: zentral, ev. in Dorfkernen, maximal 300 bis 400 Meter («Gehdistanz») zu Einkaufsmöglichkeiten und zum öffentlichen Verkehr. Das Umfeld ist wichtig für die Nachbarschaftshilfe.

- Hindernisfreiheit beim Wohnraum, keine Treppen, keine Schwellen, praktische Anordnung der Arbeitsflächen. Die Hindernisfreiheit sollte übrigens schon in der Umgebung beginnen.

- Angepasste Grösse des Wohnraums. Ein Sechszimmer-Einfamilienhaus mit Garten dürfte überdimensioniert und zu arbeitsintensiv sein.

- Ein grosser Teil der älteren Menschen wünscht sich eine altersdurchmischte Wohnsituation, sagen Umfragen. Das hat praktische Gründe (wie gegenseitige Nachbarschaftshilfe) und emotionale: Sie wollen dazugehören.

- Die Wohnungen müssen bezahlbar sein – eigentlich selbstverständlich

Beispiele

Im Leimental gibt es Projekte in Binningen, Bottmingen, Therwil, Biel-Benken und Rodersdorf (Rösmatt, Bild). In Oberwil hat eine seit Jahrzehnten bestehende Wohnbaugenossenschaft ähnliche Angebote erstellt. In Ettingen sind es zwei Stiftungen.

In Basel entstehen beispielsweise Projekte an der Maiengasse (Mehrgenerationenhaus), beim Voltaplatz («Volta Ost», erschwingliche Wohnungen) und der Aescherstrasse («Für ältere Personen aus dem Quartier»). Auch auf dem Felix-Platter-Areal sind altersgerechte Wohnungen geplant, teils in einem Mehrgenerationenhaus.

Können nicht auch Einfamilienhäuser altersgerecht umgebaut werden?

Vielleicht schon, aber es ist meist sehr viel aufwendiger, teilweise auch unmöglich. Wer baut schon einen Lift ein? Bei grossen Einfamilienhäusern wäre der Einbau von Einliegerwohnungen mit separatem Eingang sinnvoll. Diese könnten hindernisfrei sein. Der Hauptteil des Einfamilienhauses würde dann für Familien frei, ohne dass die Eigentümer das Wohnumfeld verlassen müssen. Der bestehende Wohnraum könnte so besser genutzt werden. Dies wäre allein schon der vielen Einfamilienhäuser wegen sehr prüfenswert. Die Investoren wären dann Private, und es könnte viel hindernisfreier Wohnraum entstehen. Gleichzeitig würde damit auch dem Gedanken der Nachbarschaftshilfe besser Rechnung getragen werden. .

Wir müssen der Entwicklung des Gebäudebestands zwingend mehr Aufmerksamkeit schenken, denn die Neubau- und Erneuerungsquote ist generell viel zu gering, um den aktuellen und vor allem den künftigen Bedarf an altersgerechten Wohnungen abdecken zu können. Insbesondere bei vielen Mehrfamilienhäusern macht es Sinn, sie zu sanieren und dabei der Hindernisfreiheit Beachtung zu schenken. Denn Hindernisfreiheit und altersgerechte Lage von Gebäuden sind vielfach entscheidend dafür, dass betagte Menschen länger selbstbestimmt in ihren vier Wänden leben können.

Wer ist da gefordert – Gemeinden, Kanton, Pensionskassen?

Alle sind gefordert. Es braucht die entsprechenden Anreize vonseiten der Politik, dass mehr altersgerechter Wohnraum erstellt wird oder Sanierungen vorgenommen werden. Nur über Neubauten ist das nicht zu machen, weil es gar nicht so viel Bauland gibt. Wir kommen nicht umhin, den Gebäudebestand anzupassen. Dieser gehört Privaten, Investoren oder auch Gebietskörperschaften. Damit Privatpersonen oder Investoren wie etwa Pensionskassen investieren, braucht es Anpassungen bei Verordnungen, Zonenplänen, Ausnützungsziffern oder Regulierungen, und es braucht auch finanzielle Anreize. Diese könnten beispielsweise analog zu den Fördergeldern bei energetischen Sanierungen darin bestehen, dass Umbauten für altersgerechtes Wohnen subventioniert würden, etwa für die Hindernisfreiheit in der Wohnung. Zuschüsse an Wohnungen oder Aus- und Umbauten kommen die öffentliche Hand langfristig wesentlich günstiger zu stehen, als wenn ältere Menschen frühzeitig in ein Altersheim umziehen müssen.

Besteht nicht ein Anreiz für Private, in möglichst luxuriöse Wohnungen zu investieren, weil diese höhere Renditen abwerfen?

Der Punkt hier ist die Nachfrage. Nur ein kleiner Teil kann sich eine luxuriöse Wohnung leisten. Die Investoren werden also ihr Angebot so anpassen müssen, dass sie keine Leerstände haben. Der Anteil der sehr Vermögenden an der Bevölkerung dürfte in Zukunft abnehmen.

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