Rundgang
Wo Kinder vorübergehend zu Hause sind

Das Bürgerliche Waisenhaus in Basel bietet Kindern und Jugendlichen, die für eine gewisse Zeit nicht in ihrer Familie leben können, einen stationären Betreuungsplatz. Das Ziel ist, wenn immer wie möglich, die Rückkehr ins Elternhaus.

Annika Bangerter
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Um die 200 Kinder und Jugendliche aus der Kita, dem Mittagstisch oder dem Heim beleben das Areal des Bürgerlichen Waisenhauses Basel.

Um die 200 Kinder und Jugendliche aus der Kita, dem Mittagstisch oder dem Heim beleben das Areal des Bürgerlichen Waisenhauses Basel.

bz Basel
Rundgang durch das Bürgerliche Waisenhaus.

Rundgang durch das Bürgerliche Waisenhaus.

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Die Geschenke des Adventskalenders sind liebevoll eingepackt. An jedem Päckchen hängt ein Namensschild. Auf dem Tisch gegenüber stehen Kerzen, auf dem Sofa sitzen drei Plüschtiere, die durch das Fenster in den dicken Nebel starren. Im Wohn- und Esszimmer der Wohngruppe herrscht eine ruhige, vorweihnachtliche Stimmung. Es ist Vormittag, die Kinder sind in der Schule. Einzig die Kartonverpackungen der Gesellschaftsspiele zeugen davon, wie lebhaft es hier zu- und hergehen kann.

In den zwei Wohngruppen «Basilisk» und «Excelsior» des Bürgerlichen Waisenhauses Basel leben insgesamt 16 Kinder. Einige erst seit ein paar Monaten, andere bereits seit ein paar Jahren. «Alle Kinder und Jugendlichen bringen einen grossen Rucksack mit schwierigen Erfahrungen mit. Sie stammen aus desolaten Strukturen und sind in ihrer Entwicklung gefährdet», sagt Uli Hammler. Er ist der Leiter des Bürgerlichen Waisenhauses Basel.

Dieses bietet Kindern und Jugendlichen, die für eine gewisse Zeit nicht in ihrer Familie leben können, einen stationären Betreuungsplatz. Das Ziel ist – wenn immer möglich – die Rückkehr ins Elternhaus.

Im Heim wohnen keine Waisen

Bevor sie eintreten, haben die Kinder oder Jugendlichen oft bereits verschiedene ambulante Therapien durchlaufen. «Sie haben im Vorfeld bereits viel versucht, um mit ihrer Situation umzugehen. Das kann zu Allmachtsgefühlen aber auch Misstrauen gegenüber jeglichen Hilfsangeboten führen», sagt Hammler. Damit sie im Heim zarte Wurzeln des Vertrauens schlagen können, benötigt es vor allem eines: «Die Kinder und Jugendlichen müssen spüren, dass sie so angenommen werden, wie sie sind.» Die Gruppe helfe. Darin treffen sie auf Gleichaltrige mit ähnlichen Problemen. «Sie erfahren, dass sie nicht die einzigen ohne intakte Familie sind», sagt Uli Hammler.

Im Gegensatz zu den früheren Jahrhunderten treten heute nicht mehr elternlose Kinder ins Bürgerliche Waisenhaus ein. «Kinder und Jugendliche, die ihre Eltern verlieren, kommen zu Pflegeeltern oder in Kleinstinstitutionen», sagt Hammler. Im historischen Gebäude aus dem Mittelalter erzählen einige Relikte von früheren Zeiten. Die ersten Kapitel in der Geschichte des Waisenhauses sind düster. Als dieses 1669 in die ehemaligen Klostermauern einzog, lebten die Kinder gemeinsam mit erwachsenen Straftätern im selben Gebäude. Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts war es ein Waisen- und Zuchthaus. «Die Stadt wollte die elternlosen Kinder wie auch die Straftäter weg von der Strasse haben», sagt Uli Hammler. Alle Insassen arbeiteten – unabhängig von ihrem Alter – in der Textilbearbeitung. Ihr Lohn musste nicht nur für ihre Lebenskosten, sondern auch für den Lohn des Hausvaters reichen.

Diese Umstände sind heute nicht nur undenkbar, sondern scheinen Lichtjahre entfernt. Im grossen Innenhof des Bürgerlichen Waisenhauses spielen Jugendliche Fussball, Kinder turnen auf dem Spielplatz herum und im Streichelzoo meckern Ziegen. Um die 200 Kinder und Jugendliche nutzen diesen Freiraum mitten in der Stadt. Denn das Bürgerliche Waisenhaus bietet neben dem Heim auch Mittagstische oder Tagesstrukturen für Kinder von berufstätigen Eltern an.

Seit 2011 gibt es zudem einen Neubau für die sogenannte Durchgangsgruppe. «Diese Jugendlichen kommen aus akuten Krisensituationen, in denen man unverzüglich reagieren muss. Das Ziel ist, Anschlusslösungen für sie zu finden», sagt Uli Hammler. Deshalb wohnen sie maximal drei Monate in der Wohngruppe. Entsprechend nüchtern ist die Einrichtung der Zimmer. An den Wänden hängen keine selbstgemalten Bilder oder Schnappschüsse wie in den anderen Gruppen.

Ehemaliger dankt Heim mit Spende

Auch das Arbeitstraining hat das Bürgerliche Waisenhaus ausgebaut. Jugendliche, die im Unterricht nicht mehr tragbar sind, können hier ein Time-out absolvieren. Während maximal drei Monaten leisten sie Arbeitseinsätze: Sie rechen das Laub im Innenhof, rüsten Gemüse oder putzen Büros. Daneben stehen ihnen kleine Werkstätten zur Verfügung. Dort zimmern sie Vogelhäuschen oder Holzhocker. Die Hälfte der Jugendlichen im Time-out stammen aus den hausinternen Wohngruppen, andere aus öffentlichen Schulen. «Die Jugendlichen brauchen einen Grund, um aufzustehen. Als wir diese Beschäftigungen noch nicht anboten, hatten wir deswegen häufig Probleme», sagt Uli Hammler.

Die Trainingswerkstatt konnte das Waisenhaus unter anderem durch die Spende eines Ehemaligen aufbauen. Dieser wuchs in den 1960er-Jahren im Kinderheim auf. 50 Jahre später bedankte er sich mit einer Spende für seinen zweiten Lebensstart im Wettsteinquartier.

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