Corona-Feeling

Wir machen blau: Die Farbe zum aktuellen Lebensgefühl

Unfassbar blau: der Himmel über Basel.

Unfassbar blau: der Himmel über Basel.

Keine Farbe weckt mehr Emotionen: Während der Corona-Pandemie ist Blau unser ständiger Begleiter.

Wenn Worte fehlen, müssen Bilder her. Der erste «Internationale Wolkenatlas» des Basler Meteorologen Albert Riggenbach (1854–1921) ersetzte die Unschärfe einer sprachlichen Beschreibung durch Fotografien, um die Vielfalt der luftigen Formationen einzufangen. Die Aufnahmen stammten aus den USA, Deutschland oder Russland, auch Amateurvereine schlossen sich dem Projekt an. 

Über ein Jahrhundert später ist es wiederum eine Baslerin, die den Blick in den Himmel richtet: Mit ihrer Facebook-Gruppe «The Sky over Corona» lädt die Illustratorin Olivia Aloisi Fotografinnen und Fotografen aus aller Welt dazu ein, ihre Ansichten vom Himmel mit anderen zu teilen (siehe Interview). Zu sehen gibt es Häuserzeilen, Hügel, Seen, das Meer. Keine Menschen. Auch dramatische Farbverläufe von Sonnenuntergängen sind dabei, doch in der Regel ist der Himmel schlicht: blau.

Blau. Lieblingsfarbe der Hälfte der Bevölkerung von Europa und den USA. «Ruhe, Harmonie und Geborgenheit» würden mit ihr assoziiert, begründet das Pantone Color Institute die Wahl von Classic Blue zur Farbe des Jahres 2020. Trotzdem lehnt sie ihren Namen auch dem kalten Fegefeuer des Blues (lesen Sie hier mehr dazu). Das Friedensprojekt EU setzt die Farbe auf seine Flagge – genau wie das Militärbündnis Nato. Blau ist die Sehnsucht nach der einsamen Insel und die Farbe unseres aktuellen Lebensgefühls: Im Wort Isolation schwimmt das Eiland («isola»), unerreichbar wie der heitere Himmel, der sich seit Wochen über uns wölbt.

Spiritueller Schutzmantel

Blau ist nicht zu fassen. Im Lichtspektrum verschmiert die Farbe zwischen Violett und Grün. Das überfordert unsere Sinneswahrnehmung und die Sprache zugleich. Für Japaner, Sioux und die alten Griechen ist Blau nur eine Art von Grün, ohne eigene Begrifflichkeit; das Meer wurde von Homer als «weindunkel» besungen. Bis ins frühe Mittelalter galt der Himmel als weiss, golden oder rot, bevor das Mittelhochdeutsche Wort blao («glänzend») einsprang. Mit ein Grund dafür war das Erstarken der christlichen Marienverehrung, die den Himmel als spirituellen Schutzmantel sah. 

Für die Darstellung des blauen Mariengewandes wurden keine Kosten gescheut. Zum Einsatz kam das mineralische Farbpigment Lapislazuli, das aus Persien – also von jenseits des Meeres – nach Europa importiert wurde und deshalb den Namen Ultramarin trug. Die Seltenheit des Minerals veranlasste bereits die alten Ägypter dazu, ein synthetisches Blau herzustellen, für das sie eine Mischung aus Sand, Kupfer und Natron erhitzten. Tausende von Jahren später sollte ein französischer Maler seine eigene Rezeptur für Ultramarin patentieren lassen (lesen Sie hier mehr).

Während Blau als liturgische Farbe erst entdeckt werden musste, dominierte sie die profane Kleidung des Mittelalters. Im Gegensatz zu den Farbpigmenten der Malerei war blauer Farbstoff aus dem gelb blühenden Färberwaid billig. Das eigentliche Färben hingegen war eine Zumutung: Die zerkleinerten Blätter der Pflanze wurden mit Pottasche und Urin zu einer Brühe vergoren, in der die Stoffe gefärbt wurden. Die zunächst gelben Textilien mussten erst luftgetrocknet werden, um die blaue Farbe anzunehmen – die Arbeiter nutzten diese Verschnaufpause, um «blau zu machen». So die gängigste Erklärung der Redensart.

Und von Blau ist erstaunlich oft die Rede, wenn wir über unseren Alltag sprechen. Tatsächlich wird keine andere Farbe so oft und in widersprüchlicheren Zusammenhängen verwendet. Während der Blaue Montag einen angenehmen, weil arbeitsfreien Tag bezeichnet, ist der Blaue Brief das Kündigungsschreiben – blickdicht versorgt in einem Papierumschlag, der aus Militäruniformen hergestellt wurde. Blauäugig bestaunen Kinder die Welt, doch ein blaues Wunder will niemand erleben. Umsatzstarke Aktien heissen – wie die höchsten Wetteinsätze beim Pokerspiel – «blue chips»; beim Blauen Pfennig handelt es sich dagegen um Falschgeld. 

Die leere Farbe

Die Blutbahnen der einst vornehm blassen Aristokratie erscheinen blau, wie das proletarischste Kleidungsstück überhaupt: die Bluejeans. Blau steht für Treue und den Vollrausch, wir fahren zum Vergnügen ins Blaue und lügen es vom Himmel. In Frankreich sieht blau, wer durch die rosa Brille blickt. Und steht bei grosser Angst eine «peur bleu» aus, wegen der blau verfärbten Opfer der Cholera. Mit Berliner Blau malte van Gogh seine «Sternennacht», in Basel führte eine Palette des anorganischen Farbpigmentes zum Grossbrand von Schweizerhalle.

Was will uns Blau sagen? Für den US-amerikanischen Philosophieprofessor und Schriftsteller William H. Gass definierte die Farbe den Himmel einst als Bluescreen des Numinosen, «vor dem die Götter brannten wie Sonnen». In seinem Essay «On Being Blue» beschreibt Gass die bleiche, tiefe Endlosigkeit des Himmels, der um die Mittagszeit zu blättern scheint wie ein Fresko. Und sich in der Abenddämmerung als verbrannte Lebenszeit auf die Menschen legt, die wieder einmal zu beschäftigt waren, nicht sie selbst zu sein: «Blau ist die Farbe von allem, das leer ist.»

Freuen wir uns am Himmel. Mit und ohne Wolken.

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