Das Virus und wir

Wir laufen mit: Der grosse Corona-Marathon

Einszweidrei, im Sauseschritt läuft die Zeit, wir laufen mit.

Einszweidrei, im Sauseschritt läuft die Zeit, wir laufen mit.

«Gring ache u seckle»: Wenn die Zeit still steht, regt sich die Anita Weyermann in uns.

Es ist Halbzeit, hoffentlich. Nicht im Fussballstadion, das geschlossen ist wie alle übrigen Freizeitstätten auch. Sondern bei den bundesrätlich verfügten Anstrengungen, das Coronavirus zu besiegen. «Das ist kein 100-Meter-Lauf», warnte Bundesrat und Mittelstreckenläufer Alain Berset vor einem Monat. «Es ist ein Marathon.» Das Bild ist sorgfältig gewählt, wegen der nötigen Ausdauer. Aber auch ein bisschen unglücklich, weil der erste verbürgte Marathonläufer («schon die alten Griechen» etc.) im Ziel vor Erschöpfung starb.

Jedenfalls haben sich die Schweizerinnen und Schweizer schnell angepasst. Vielleicht liegt es an der Bodenständigkeit, die so ein Marathon (griech. «Fenchelfeld») verströmt, ganz sicher aber hat das Lauffieber grosse Teile der Bevölkerung erfasst. Wer sich zu einem beliebigen Zeitpunkt an den Rhein oder in die Naherholungsgebiete begibt, muss schon trittsicher sein, wenn es um die empfohlenen Distanzregeln geht. Natürlich gilt der Zwei-Meter-Abstand beim Kreuzen, doch im Windschatten von Joggerinnen und Joggern wird es kompliziert. Wie ist die Windrichtung? Wie schnell bewege ich mich relativ zu den Läuferinnen und Läufern?

Relativ ist sowieso vieles dieser Tage. Basel laufen die Uhren davon, aber die Zeit, die kurz- und kleingerannt werden soll, kommt kaum vom Fleck. Wissenschaftlich gesehen hat das seine Richtigkeit: Wer sich durch den Raum bewegt, verbraucht weniger Zeit, das hat die spezielle Relativitätstheorie schon Anno Dubak erklärt. So bleibt mehr Musse, die Parade der Laufbegeisterten zu studieren: die Kadenz der Manager, die plaudernden Gruppen von Neueinsteigern, den trabenden Nachwuchs. Den Schongang von Herzkranken und Übergewichtigen.

Halbzeit? Der zweite Teil wird härter, weil der Kopf schneller schlapp macht als die Beine. Aber fit werden wir sein und braun gebrannt, wenn der Sommer kommt. Und vielleicht vermissen wir irgendwann sogar die stillen Tage, die uns jetzt so lang werden; auch das ist möglich. Wenn uns das Laufen nämlich eines zeigt, dann dass wir anders zurückkehren, als wir gestartet sind: verschwitzt, mit einem Krampf in den Waden und dem unglaublich guten Gefühl, das durchgezogen zu haben. Die Zeit läuft mit.   

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