Naturjodel

Wie Seraina Clark der Volksmusik verfiel

«Für mich stellt der Natur­jodel eine Reinform des Singens dar», sagt Seraina Clark.

«Für mich stellt der Natur­jodel eine Reinform des Singens dar», sagt Seraina Clark.

Früher war Seraina Clark als Frau mit Gitarre, Folk und englischen Songs unterwegs, heute begeistert sie sich für den Naturjodel.

Zwischen 2006 und 2008 wirkte Seraina Clark als Mitbegründerin und Moderatorin der «Open Mic»-Veranstaltungs­reihe im Parterre. «Nach drei Jahren wollte ich dann wieder mehr Zeit in meine eigene Musik investieren», erinnert sich die im Baselbiet aufgewachsene Künstlerin. Weshalb sie sich von der offenen Bühne für Singer/Songwriter verabschiedete.

Erstmals ins Bewusstsein der Basler Öffentlichkeit rückte Clark 1996 als Leadsängerin der Spacefunker Plastix. Sechs Jahre später verliess sie diese, da sie sich solo als Singer/Songwriterin beweisen wollte. Was ihr auch gelang, selbst wenn sie heute erklärt: «Mit meinen ­englischen Songs verspürte ich zunehmend das Gefühl, bloss eine von vielen zu sein.»

Nach der Geburt ihrer Kinder verzichtete sie mehrere Jahre auf Auftritte und nahm sich stattdessen Zeit herauszufinden, wohin sie sich musikalisch bewegen wollte. «Als ich dann im Dokumentarfilm ‹Heimatklänge› auf den Naturjodel stiess, ­löste das bei mir ein veritables Erdbeben aus.» Im Nu habe sie gewusst, dass sie diese Gesangsart selbst ausprobieren möchte. Gedacht, getan und: «Es hat mir völlig den Ärmel reingezogen.»

Obschon Clark ihre ersten Lebensjahre auf dem Bauernhof der Grosseltern in Lupsingen verbrachte, kam sie mit Volksmusik nur wenig in Berührung. «Dafür hat meine Mutter oft Volkslieder mit uns Kindern ­gesungen», erzählt sie. Als Teenager brachte sie sich das ­Gitarrenspielen selbst bei und schrieb erste Songs. Sängerin zu werden blieb ein Wunschtraum, den sie nie ganz aufgeben wollte, auch als sie Sprachen studierte und Lehrerin wurde. Ihre Tätigkeit am Gymnasium Bäumlihof, wo sie Deutsch und Englisch unterrichtet, bezeichnet sie als «tollen und sinnvollen Job».

Als Special Guest am ­Glastonbury-Festival

Ihr Englisch-Studium führte sie zwischenzeitlich nach Liverpool. Eine Stadt, die ihr nicht ­zuletzt musikalisch einiges zu bieten hatte und sie sogar – als Special Guest – bis auf eine Nebenbühne des weltberühmten Glastonbury-Festivals brachte. «Es war schon cool, dort singen zu dürfen, aber andere Auftritte von mir habe ich in besserer Erinnerung», so Clark. Ihr Aufenthalt in Liverpool ist ihr auch speziell im Gedächtnis haften geblieben, weil sie dort ihren heutigen Mann kennen gelernt hat. Dieser teilt ihr Flair für Musik, hat jedoch als waschechter Engländer eher eine Affinität zum Punk als zum Jodel.

Als sie sich mit Letzterem zu beschäftigen begonnen habe, sei man ihr mitunter mit einer gewissen Ungläubigkeit begegnet. «So musste ich anfangs immer wieder erklären, dass der Jodel, der mich interessiert, nicht kommerziell ist, sondern zutiefst melodisch, wehmütig und archaisch.» Unterdessen ist die Skepsis ihres Umfelds längst einer Neugier gewichen. Zugleich räumt sie ein, dass ihr der Wechsel zwischen Kopf- und Bruststimme, der für das Genre unabdingbar ist, zunächst alles andere als leichtgefallen sei.

Ein Genre abseits des ­Mainstream

«Für mich stellt der Natur­jodel eine Reinform des Singens dar», sagt Clark. Bald begann sie, eigene Jodelteile in ihre Lieder einzubauen. Doch etwas fehlte: «Wenn ich früher bei ­Ferien im Ausland gebeten wurde, Schweizer Lieder zu singen, wollte mir auf Anhieb kaum ­etwas einfallen.» Was sie dazu animierte, nach einheimischem Liedgut zu stöbern und vermehrt auf Mundart zu setzen. Inzwischen schreibt sie ihre ­Stücke sogar ausschliesslich in Dialektform.

Auf die Frage, warum es so viele Jahre dauerte, bis sie zu ihrem Sound von heute gefunden hat, entgegnet Clark: «Bei diesem Genre abseits des Mainstream benötigte ich etwas länger, um mich zu orientieren.» Unter ­anderem, weil es in der Region Basel weniger Vorbilder, weniger Austausch und somit auch weniger Musikerinnen und Musiker gebe, die sich auf das Gebiet einlassen wollen.

An ihrem Wohnort Basel ­bilden Jodel und Schweizer Volkslieder eine Nische, erkennt Clark. «Aber eine, die viel Gestaltungsmöglichkeiten offenlässt.» Und diese weiss die Musikerin zu nutzen. Mal im Rahmen ihrer – coronabedingt pausierenden – Jodel-Stubete, häufiger jedoch im Zusammenspiel mit der Cellistin Anna ­Mazurek im Duo Bluescht.

Seit sich Clark letztes Jahr an der Jazzschule im Bereich Musiktheorie und Gesang weitergebildet hat, sind viele Türen für sie aufgegangen. Und auch ihr Netzwerk in der schweizerischen Jodel- und Volksmusikszene wächst und wächst. «Mein Ziel ist es, die Volksmusik so zu beleben, dass sie Leute von heute wieder anspricht.»

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