Humbug

Sängerin Tusks gibt mehr preis, als ihr anfangs lieb war: «Jetzt bin ich krankhaft ehrlich»

Hat sich wieder im Griff: Sängerin Emily Underhill.

Hat sich wieder im Griff: Sängerin Emily Underhill.

Die britische Sängerin Tusks gibt in ihren Songs mehr preis, als ihr anfangs lieb war. Heute spielt sie im Humbug.

Die Narbe an ihrem linken Ellbogen ist imposant. Wir sitzen noch keine halbe Stunde beim Kaffee und bereits hat Tusks ihr Inneres preisgegeben und ihren Arm entblösst. Die englische Musikerin muss über ihre mentalen und körperlichen Probleme sprechen, um ihr aktuelles Album «Avalanche» zu erklären, mit dem sie nun auf Tour ist.

Die zehn Songs handeln zu gleichen Teilen von ihrem Skiunfall, ihrer Zwangsstörungs-Diagnose und ihrer neuen Liebe. Letztere sei einfach nur toll, schwärmt Emily Underhill, wie Tusks bürgerlich heisst. Das zerschmetterte Gelenk dagegen sei ein enormer Tiefschlag gewesen: «Ich konnte nicht mehr Gitarre spielen». Jetzt, ein gutes Jahr und drei «sehr riskante» Operationen später, könne sie sogar den kleinen Finger der Greifhand wieder einsetzen. 

Ein gutes Jahr habe auch die Therapie ihrer Zwangsstörung gedauert, so Tusks: «Es ist erstaunlich, wie schnell man so etwas in den Griff bekommt, wenn man es in Angriff nimmt.» Seit sechs Monaten sei sie komplett frei von Symptomen. Zuvor habe sie es an schlechten Tagen nicht einmal mehr geschafft, sich hinter das Steuer eines Autos zu setzen – aus der wahnhaften Angst, sie könne jemanden verletzen.
«Heute kurve ich im Bandbus durch eure schöne Stadt und suche in aller Ruhe einen Parkplatz.»

Erschrocken über autobiografische Songs

Dann holt sie aus zum Monolog über OCD (Obsessive Compulsive Disorder), eine Störung, die oft fälschlicherweise auf zwanghaften Ordnungswahn reduziert werde. Zur Verbildlichung ihrer Ausführungen wirft sie ein Zuckertütchen auf den Tisch und legt den Löffel schräg neben die Tasse: «So etwas hat mich nie gestört», sagt sie und lacht schelmisch.

In solchen Momenten wird klar, dass die Mittzwanzigerin sich nicht mit Schauergeschichten für den Journalisten interessant machen will. Sie hat, wie sie selber sagt, in den letzten paar Jahren schlicht so viel durchgemacht, dass sie für sich gemerkt habe, dass sie sich als Künstlerin nur ernst nehmen kann, wenn sie stets «echt» bleibt. «Jetzt bin ich krankhaft ehrlich.»

Noch vor drei Jahren sei sie selber erschrocken, wie autobiografisch ihre Songs plötzlich wurden: Auf ihrem ersten Longplayer, «Dissolve» (2017), habe sie eine zerbrochene Beziehung verarbeitet. «Das war besonders unangenehm, weil wir kurzzeitig wieder ein Paar waren, während ich auf der Bühne unsere Trennung besang.»

Im Gegensatz zu «Dissolve» ist «Avalanche» thematisch breiter und musikalisch ausgereifter: Tusks singt mit unaufgeregter Stimme und natürlicher Autorität. Im Zentrum ihrer Songs steht oft die Gitarre, zu der sie ambivalente Gefühle hat: «Es ist mein Lieblingsinstrument, ich hätte bloss lieber einen elektronischeren Klang.».

Also biegt sie sich das Saiteninstrument mit Effekten zurecht, verfremdet es und ertränkt es in Hall – «davon kann man ohnehin nie zu viel haben». Mit ihrer Stimme, der Gitarre, den Effekten und ihren drei Begleitmusikern erschafft Tusks eine gleichermassen dichte wie durchlässige Atmosphäre. Diese lullt den Zuhörer ein. Oder – der Albumtitel kommt nicht von ungefähr – sie reisst ihn mit wie eine Lawine.

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