Rutschmadame
Nach dieser Wahl in Frankreich: Nehmt uns die Demokratie weg!

Woche für Woche nimmt die Rutschmadame das regionale Geschehen aus dem Blickwinkel des nahen Elsass aufs Korn. Heute: der Kampf um die Freiheit.

Martina Rutschmann
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Selbst beim Fernsehen muss der moderne Mensch Hunderte Entscheidungen treffen.

Selbst beim Fernsehen muss der moderne Mensch Hunderte Entscheidungen treffen.

pixabay.com

Eine rechtsextreme Kandidatin verliert nur knapp – und keiner weiss, weshalb. Warum haben Antidemokraten Aufwind, fragen Experten. Es wird Zeit für die Antwort: Die Demokratie ist tot! Die Leute haben die Schnauze voll. Sie wollen, dass wieder über ihre Köpfe hinweg entschieden wird. Warum sonst haben mehr als vier von zehn Franzosen Le Pen gewählt – im Wissen, dass diese von einer unfreien Gesellschaft träumt? Weil sie erschöpft sind von den Anforderungen der modernen Welt.

Nicht mal der Feierabend garantiert Entspannung. Früher lief auf allen Kanälen «Wetten dass.. ?». Wer nicht mitansehen wollte, wie die deutsche Engelslocke an Promis rumfummelt, ging ins Bett. «Glotze an, Beine hoch!» – vorbei! Netflix, Amazon, Disney. Welchen Dienst abonnieren wir? Was schauen wir? Es dauert Stunden, bis eine Auswahl getroffen ist. Und weitere Stunden, bis die Serie fertig ist. Zu allem Elend nötigt man uns, über die «Lex Netflix» zu entscheiden.

Und am Morgen schleppt sich der müde Mensch zur Kaffeemaschine – und es fängt von vorne an. Die violette Kapsel oder die blaue? Ein dauernder Kampf. Ignorant ist, wer sich bei dieser Flut an alltäglichen Entscheidungskrisen wundert, dass die Leute flehen: Nehmt uns die Demokratie weg! Wir wollen nicht auch noch über die Gemeinschaft bestimmen, wenn wir schon mit unserer eigenen Existenz überfordert sind.

Wenigstens bieten Traditionsanlässe wie das Sechseläuten eine Auszeit. Hier läuft alles seit einer Million Jahren gleich ab und niemand muss irgendetwas entscheiden. Stramme Mannsbilder reiten durch die Gegend und verbrennen am Schluss eine Pappfigur. Das ist Lebensqualität! Und wenn der Böögg wie jetzt einen verschifften Sommer prophezeit, können wir uns erst recht zurücklehnen. So bleibt uns die Entscheidung erspart, ob wir die Gartenmöbel beim Schweden kaufen, beim Designer oder beim nachhaltigen lokalen Schreiner.

Auch auf Streamingdienste können wir diesen Sommer verzichten, da uns die Wirklichkeit genug Spektakel bietet. Der dritte Weltkrieg rückt näher, die Preise steigen, das Klima stirbt. Am Feierabend gilt ab sofort wieder: Beine hoch und die gute alte Tagesschau einstellen. In unseren Stuben können wir uns über die Schreckensmeldungen aus nah und fern empören und bedauern, dass wir nichts, aber gar nichts, am Elend der Welt ändern können.