Ortsunkunde
Problemkuchen

Simon Morgenthaler ist für die «Schweiz am Wochenende» unterwegs an Orten mit prägnanten Namen. Dabei macht er sich viele falsche Freunde und begibt sich zielstrebig auf Irrwege.

Simon Morgenthaler
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Wahlen, Blick Richtung «Pfannenkuchenmatte».

Wahlen, Blick Richtung «Pfannenkuchenmatte».

Simon Morgenthaler

Bürki, der sich schon seit Kindsbeinen so sehr für Flurnamen interessierte, dass seine Frau ihn später verliess, und Beck, der seinerseits ein derart imperiales kulinarisches Wissen angehäuft hatte, dass es vielen schon bei seinem drahtigen Anblick den Appetit verschlug, gingen spazieren. Auch wenn von ihrer Freundschaft äusserlich wenig erkennbar war, da man sie meist in synchronem Redeschwall begriffen sah, immer an der Grenze zur verbalen Eskalation oder – wild gestikulierend – zur Tätlichkeit, waren sie nicht nur dadurch innig verbunden, sondern auch durch eine gemeinsame Liebe für Frucht- und Käsekuchen.

Freilich ging diese Liebe nicht ohne Streit, der Streit um den Kuchen war vielmehr der Anlass, sich unentwegt in nobler Ignoranz der gegenseitigen Zuneigung zu versichern. Das dialektale Geplänkel – Bürki sagte «Chueche», Beck «Waaie», Bürki verstand aber unter «Chueche» sowohl Becks ‹Waaie› wie auch den für diesen ganz anders gearteten «Kueche» – stellte ihre Freundschaft anfangs auf die Probe.

Dank Konsultation von Rhiners bei Prof. Hotzenköcherle verfassten Arbeit zur «Wortgeographie des Flachkuchens mit Belag», wo sie auch erfuhren, dass «Kuchen» überhaupt ein sogenanntes «Problemwort» sei, konnten sie diese Prüfung einigermassen heroisch bestehen. Beide waren sie also fortan Liebhaber des «Flachkuchens mit Belag», sei er süss oder salzig, auch bei der Höhe nahmen sie es nicht so genau.

Heute stand die Besichtigung der «Pfannenkuchenmatte» in Wahlen an, was beide in innig verbundenes Monologisieren trieb. In der Hungersnot von 1817 habe einer diese Matte, wie’s heisse, für einen solchen Kuchen verkauft, so Bürki, während Beck die Vielfalt des Pfannkuchens erörterte und sich darüber enervierte, dass die Schweizer ihre Omeletten nicht von der wahren Omelette zu unterscheiden im Stande seien.

Bürki – sie schauten jetzt auf die Matte – verwarf die Hungersnot-These, sprach von einem früheren Beleg, schon 1749 sei der Name nachgewiesen, Beck hingegen schrie abwechslungsweise «Mehl», dann «Eier», nun sprach Bürki von pfannenförmigen Mulden, Beck inzwischen von luftigem Kaiserschmarrn und plumpen Plinsen. Sie wurden immer lauter, sodass schliesslich sogar der freundliche Golden Retriever im Garten der Neuüberbauung nebenan zu bellen begann. Als die Polizei kam, hörte man noch ein gradliniges ‹Grundstückbesitzer› und ein gehauchtes «Galette», dann stürzten sie sich hungrig in die Arme – und die Polizisten auf sie.